Projekt Ironman 2022: Was war, was wird.

Test, Test, hört mich jemand? Wow, das funktioniert sogar noch. Und meine Finger huschen auch wieder über die Tastatur, wenngleich da mittlerweile ein neuer Laptop steht und obwohl ich das Design der Seite ein bisschen angepasst habe. Ein bisschen weg vom reinen Triathlon-Blog und etwas mehr von mir. Nach wie vor alles recht provisorisch und nicht als vorzeigbarer Schaukasten fertig gebaut, aber dafür gibt es ja auch LinkedIn, Strava und Ähnliches. Aber zurück zum Thema. Rein rechnerisch sind wir jetzt am Ende von Woche 175 des Projektes Iron(wo)man. In der Kurzfassung: 2020 war scheiße, 2021 ist krass und es ist eine Aufgabe, sich immer wieder selbst aus den kleinen und großen schwarzen Löchern herauszuziehen, die dieses kollektive COVID-19-Trauma on top zur generellen Schwierigkeit des Seins in uns allen hinterlassen hat. Es folgt: ein Versuch der Aufarbeitung, ein Ansatz der Erklärung und ein Beginn des generellen Wiederaufnehmens meiner Tätigkeit als Hobby-Triathlon-Bloggerin.

Man sollte dazu vorab sagen, dass ich diesen Post knapp eine Woche nach dem Ironman 70.3 Duisburg veröffentliche, an dem ich am 29. August teilgenommen haben und für den es (natürlich) einen Rennbericht geben wird.

Man sollte dazu vorab auch sagen, dass ein Großteil dieses Posts im März 2021 entstanden ist und dann monatelang als an mich selbst gesendete E-Mail in meinem Posteingang verkümmert ist. Und der Rest kommt improvisiert dazu. Quasi insgesamt knapp 64 Wochen im Schnelldurchlauf, wobei ich mir, im Nachhinein betrachtet, eigentlich alle Blogposts ab COVID-19 auch hätte sparen können. Denn weder gab es Neues oder Erfreuliches zu berichten, noch habe ich die Zeit von März 2020 bis jetzt zum Anlass genommen, um Verrücktes zu tun wie Triple-Everesting oder von München an den Gardasee zu laufen.

Warum ich das jetzt alles aufschreibe?

In erster Linie, weil die Erinnerungen bereits zu verblassen beginnen. Das ist ein erstaunliches Talent des menschlichen Denkens und Empfindens: Schlimme Ereignisse verschwinden (gute Erlebnisse im Übrigen genauso) in der Wonne eines Schleiers des Vergessens, damit wir erstens wieder freie Hirnkapazitäten für Neues haben (Unterbewusstsein natürlich ausgeklammert) und zweitens keine Angst vor diesem Neuen haben, in dem ja durchaus wieder Schlimmes lauern kann. Warum sonst gebären Frauen ein zweites, drittes… Mal, wenn die Geburt an sich kein schönes Erlebnis war? (Bitte mich nicht fragen, ich habe noch nicht geboren)

Natürlich klingt es verlockend, all das Schlimme zu vergessen und abzuhaken und nie wieder daran zu denken. Aber das wäre falsch. So falsch wie auf einen Selbstoptimierungs-Zug aufzuspringen, wie jene Menschen, die im Lockdown versucht haben, den aufgezwungenen Stillstand mit scheinbar Sinnstiftendem zu füllen, um die Zeit “bestmöglich” zu nutzen. So falsch wie die Situation zu ignorieren und business as usual durchzuziehen mit Präsenz-Office, Reisen und Partys; und ohne die Erkenntnis zuzulassen, dass das eine Ausnahmesituation war und immer noch ist. Und es wäre auch so falsch wie der generelle Impuls, Erinnerungen an schwere Zeiten zu verdrängen, seien sie nun durch externe Faktoren bedingt oder aus innerlich selbst erzeugt kommend. Deshalb schreibe ich jetzt auf, wie ich mit COVID-19 umgegangen bin.

In einer normalen Welt…

In einer normalen Welt hätte ich im Juli 2021 den Challenge Roth als meine zweite Langdistanz nach dem Ironman Frankfurt 2020 absolviert. In einer normalen Welt hätte ich mir den Platz für Roth nämlich nach der Teilnahme in einer Roth-Staffel als (furchtbar schlechte) Schwimmerineine Woche nach Frankfurt 2020 und einen Tag nach Roth 2020 direkt vor Ort geholt.

In einer normalen Welt hätte ich mich außerdem beim Ironman 70.3 Zell am See Ende August so ähnlich quälen müssen wie beim Aquabike des (oder dann doch der?) Challenge Kaiserwinkl-Walchsee 2019. Dann wäre ich noch zur Nicola Werner Challenge (The NWC) nach Paris gereist im September und hätte zwischendurch davor die lokalen Triathlons um München absolviert: Triathlon.de CUP mit erstmals einer Mitteldistanz oder wieder dem Triple-Tri (Tripple? Trippel?), sowie die ODs beim Stadttriathlon Erding, beim Triathlon Karlsfeld und beim 3MUC. Vielleicht wäre ich auch noch als Zuschauerin nach Ingolstadt und ins Allgäu gefahren und hätte in Regensburg teilgenommen oder beim Trumer Triple… hätte die Seequerung beim Starnberger See Schwimmen gemacht oder wäre in Richtung Süden gefahren zu den hügeligeren ODs im bayerischen und österreichischen (Vor-)Alpenland. Vielleicht hätte ich auch noch einmal eine Langdistanz an drei Tagen in Alleinregie gemacht oder eine Veranstaltung gefunden, die so ähnlich gewesen wäre wie das Long Course Weekend Mallorca. Dann wäre dir Überschrift dieses Posts auch gewesen: Projekt Iron(wo)man. Recap Woche 175.

Aber, wie wir alle wissen, fand nichts von alledem statt. Und auch sonst gefühlt nichts. Aber auch von gefühlten Nichts lässt sich erzählen, wenn auch in etwas anderer Form.

In der echten Welt…

Als die COVID-19-Pandemie im März 2020 in der echten Welt so richtig losging, hatten die meisten von uns wohl noch die Hoffnung, dass alles relativ schnell wieder vorbei sein würde. Happy End statt Horrorfilm. Mir persönlich hat diese Hoffnung allerdings mental rein gar nichts gebracht. Ich war wütend. Wütend auf die Welt, auf meinen kaputten Oberschenkel und auf mich selbst, weil mich die Situation in ein Loch katapultiert hat. Wenn einem der Physio sagt: Du müsstest jetzt eigentlich Aquajogging machen für dein Bein, man aber nirgendwo aquajoggen kann, obwohl man es mit dem eigenen Dickkopf problemlos siebenmal pro Woche mit je anderthalb Stunden hätte machen können und wollen, dann macht einen — mich — das innerlich wütend. Und bei 10 Grad Wassertemperatur im Komplett-Neo-Outfit ins Freiwasser zu gehen, kam für mich nicht infrage, weil das alleine einfach zu gefährlich gewesen wäre. Was wäre denn gewesen, wenn ich völlig unterkühlt aus dem Wasser gekommen wäre, mich nirgendwo so richtig hätte umziehen können, geschweige denn wieder mit dem Rad die 20 Minuten nach Hause fahren? Das wäre eine Form der Unvernunft gewesen, für die sogar ich zu vernünftig bin.

Hinzu kam die quälende Ungewissheit, ob der Ironman Frankfurt 2020 tatsächlich würde stattfinden können und wie zur Hölle ich es bis dahin hinkriegen sollte, mein Bein und meinen mentalen Zustand wieder auf Vordermann zu bringen.

Ich hätte zu Beginn des ersten Lockdowns tatsächlich einfach aufhören sollen, hier noch jede Woche einen Trainingsbericht zu posten mit Einheiten, die so schal geschmeckt haben wie abgestandene Apfelsaftschorle. Ich dachte, ich müsste das weiter durchziehen und mich mit dem Bloggen selbst für schlechte Trainingswochen ermahnen, mit der Motivation, es in der Folgewoche besser zu machen, damit ich eine Erfolgsgeschichte schreiben kann anstelle einer Aneinanderreihung von Misserfolgen. Und ein bisschen nicht nur für mich, sondern auch für meine Leser:innen, die mir seit März 2020 einige Nachrichten geschickt haben mit der Frage, ob es mir gut geht und ob es mich überhaupt noch gibt und dass sie gerne wieder etwas von mir lesen würden. Vielen Dank dafür, auch wenn ich (noch) auf keine einzige der Nachrichten geantwortet habe. Diese Nachrichten bedeuten mir viel.

Das Gefühl, dass ein sorgsam gehegtes Geflecht aus Routinen und Selbstverständlichkeiten auseinanderbricht, lässt einen aber vermutlich erst einmal vor Schock erstarrt zurück, außer man besitzt eine überdimensional große Portion von… ja, wovon eigentlich? „ReSiLiEnZ“, dieses verhunzte und überstrapazierte Konzept, das eigentlich nichts sagt und als Universalmittel von allen Arten der mentalen und körperlichen Heilmethoden vage angepriesen, aber nicht mit Inhalt befüllt wird? „Scheißegaligkeit“, wenn man ungerührt weitermacht und einfach trotzdem seinen Stiefel durchzieht, obwohl nichts mehr WEITER schreit, sondern eher: STOP? Starrsinn, versteckt unter einem Mantel von Hedonismus oder Ehrgeiz, weil man sich das eigene Vergnügen oder dir eigenen Ziele doch nicht nehmen lassen will? Tja, keine Ahnung.

Meine erste Reaktion war: ungerührt weitermachen, so normal wie möglich. Das hat aber nicht funktioniert. Erstens war ich ohnehin in einem energetischen Loch (die letzten paar Jahre konnte man mich, mit Ausnahme meiner eigenen Trainingslager auf Lanzarote 2018 und 2019, die ich rein mit dem Kopf gemacht habe, von Mitte Dezember bis irgendwann im März in eine Ecke stellen, weil energietechnisch komplett die Luft raus war. Zweitens hatte ich diesen kaputten Oberschenkel, der mich mental mehr belastet hat als körperlich, weil es eben kein 6-Wochen-Muskelfaserriss war, sondern ein 6-Monate-Muskelfaserbündelriss („Spürst du das? Da ist eine richtig große Delle in deinem Oberschenkel.“ Zitat Jochen A., seines Zeichens mein damaliger Physiotherapeut). Drittens konnte ich einfach nicht normal weitermachen, wenn ich genau 0/4 meiner Sportarten (Schwimmen, Radfahren, Laufen, Krafttraining) so ausüben konnte, wie ich es wollte.

Schwimmen und Laufen habe ich schon erläutert; Radfahren: Ich konnte auf meinem Rollenrad aus dem Jahr 2018 nicht mehr schalten und es ist bei der Kombi großes Kettenblatt/zweitkleinstes Ritzel hängengeblieben, also konnte ich nur im Workout-Modus ohne ERG auf der niedrigsten Stufe strampeln, damit irgendwas geht. Aber immerhin ging das. Ich weiß nicht mehr, ob ich das 2020 erwähnt hatte, aber mein Elite Suito hat nach einem Jahr zwischen den beiden Lockdowns den Geist aufgegeben und ich habe ein Ersatzgerät bekommen (vielen Dank an Rüdiger von Kellersprinter an dieser Stelle, der mir für die Wartezeit auf den neuen Suito sogar einen Direto als Leihgerät geschickt hat…), so viel also zur Langlebigkeit von Material für das Indoor-Training. Und Krafttraining: naja. Ich hatte im ersten Lockdown nur Seile, Yogablöcke, einen Gymnastikball und eine Matte und nach einem Monat tatsächlich einfach gar keine Motivation mehr, damit weiterzumachen, weil es so sinnlos erschien. Für den zweiten Lockdown habe ich mit Kurzhanteln mit Scheiben geholt (die sich bei der Ausführung von Übungen lockern, man muss sie also nachziehen), einen Stepper (der in Echt halb so lang und breit ist wie erwartet, also bedingt geeignet für Übungen, bei denen man halb oder ganz darauf liegen oder sitzen soll), sowie eine 16kg-Kettlebell, die so voluminös ist, dass ich mit meinen 1,85 bei den Kettlebell Swings extrem breitbeinig dastehen muss, um mir das Ding nicht in die Weichteile zu rammen.

Das entbehrt nicht einer gewissen Komik, aber mir ist eher nach Toben zumute gewesen denn nach Lachen.

Needless to say, dass ich meine Ambitionen in dieser Hinsicht im November recht bald aufgegeben habe.

Ausstieg aus der Academia

Ich nehme euch jetzt einmal kurz mit in einen anderen Teil meines Lebens, über den ich im Triathlon-Blog noch nicht so viel erzählt habe. Anfang 2020 habe ich meine beruflichen Weichen erst sanft, dann ziemlich rabiat umgestellt. Ich war von August 2017 bis Juli 2020 mit einer 60 %-Stelle an einer Uni angestellt, um im Rahmen eines DFG-geförderten Projekts in Soziologie zu promovieren. Das war mein zweiter Anlauf für meine Promotion, da es im ersten als externe Doktorandin ohne wirkliche Verbindung zur Academia trotz eines großartigen Doktorvaters (der leider die Uni wechselte) nicht funktioniert hatte.

Kleiner Spoiler: Funktioniert hat es auch mit der Stelle an der Uni nicht, weil ich in der Gesamtheit aus Arbeitstempo, Arbeitsklima, Arbeitsschritte, Arbeitsumfeld und Arbeitsphilosophie der Academia meine Stärken nicht einsetzen und an meinen Schwächen nicht arbeiten konnte.

Wie wenig mit diese Art von Arbeit in der Academia liegt, habe ich eigentlich schon recht schnell 2018 erkannt, wollte aber natürlich mit dem Kopf durch die Wand und „es durchziehen“, weil die Idee der Promotion im Ursprung intrinsisch war. Außerdem hatte ich die Vorstellung, dass ich damit etwas (sehr, sehr Kleines) beisteuern kann zu einer soziologisch motivierten Sicht auf die Welt und mich nicht mehr in den Dienst des Kapitalimus in der freien Wirtschaft würde stellen müssen. Boy, was I wrong.

Die Menge an Idealismus, die man benötigt, um sich von so einer Vorstellung durch eine Promotion tragen zu lassen, ist größer als die Menge an Idealismus, die ich in meinem Inneren gefunden habe. Man braucht mehr ehrliches Interesse an einer Fachdiskussion, die — zumindest in dem Bereich, in dem ich war — mehr um sich selbst rotiert und mehr mit Wissenschaftspolitik zu tun hat als ich es für möglich gehalten hätte (nicht nur, natürlich). Ich hatte lebende Beispiele vor Augen, wie man es machen muss, um in der akademischen Community erfolgreich zu sein, und keine Faser in mir hat geschrieen: Ja, das will ich auch. Drei Jahre Frust aufgrund von immer wiederkehrenden Diskussionspunkten im Team, umständlichen Arbeitsmethoden sowie der Erkenntnis, dass man in so einem Projekt eben drei Jahre lange nur an denselben fünf Arbeitspapieren schreibt, unterbrochen nur von einer (sehr coolen) Forschungsreise, ein paar Tagungen und drei unter großen mentalen Schmerzen verfassten Artikeln — all das hat der intrinsischen Motivation das Licht ausgepustet und zurück blieb nur der Kopf, der mich da durchprügeln wollte so wie durch Trainingswochen mit 30 Stunden und mehr. Das konnte nicht funktionieren, weder im körperlich anstrengenden Triathlon noch in der mental anstrengenden Academia.

Da ich ein Kopfmensch bin, war mir Ende 2019 auch klar, dass ich mir für nach Ende des Projektes an der Uni bzw. meines Vertrags im Juli 2020 ohne Aussicht auf Verlängerung eine Einnahmequelle würde suchen müssen, um — so der Plan — die Promotion bis Ende 2020 fertigzustellen. Erst nachträglich und über Umwege habe ich erfahren, dass eine Verlängerung an der Uni doch möglich gewesen wäre — aber meine beruflichen Weichen hatte ich Planerin bereits davor gestellt. Ich hätte es auch einfach auf mich zukommen lassen können oder, im Worst Case, die Promotion mit ALG 1 zu Ende schreiben können, was als valide Option seitens Academia in den Raum gestellt wurde. Aber das ist nicht meine Natur.

Dieser Handlungsstrang hat auf den ersten Blick nichts mit Triathlon zu tun, aber so langsam schließt sich der Kreis wieder hin zu der Frage, was mich durch COVID-19 gebracht hat.

Neuer Job, neue Ablenkung

Ende Januar 2020 hatte ich jedenfalls noch keine Idee und noch keine aktiven Pläne für die Zeit nach der Tätigkeit als WiMi ab August 2020. Dann kam eine mir sehr wichtige Person mit einem Vorschlag um die Ecke. Die Person, die (bzw. der) mir die entscheidenden Schritte am Anfang meiner Karriere und noch im Erststudium ermöglicht hat und die mir zu diesem Zeitpunkt wieder einen Nudge gegeben hat.

Ausgeschrieben war eine Stelle in einem Unternehmen, für die ich meine persönlichen Erfahrungen, mein Meta-Wissen über die Academia und meine Berufserfahrung würde brauchen können. Und so kam es, dass ich nach nur einer Bewerbung ab dem 1.3.2020 freiberuflich (neben tausend anderen freiberuflichen Dingen, denn eine 60 %-Stelle an der Uni does not pay the bills), ab dem 1.8.2020 in Teilzeit und seit dem 1.1.2021 Vollzeit in meinem jetzigen Job arbeite.

In den Jahren 2014 bis 2020 — so lange war ich mit zweitem Master, Promotion, Academia-Job, Freiberuflertum „frei“ der Abhängigkeit von einem einzigen Arbeitgeber — hatte ich tatsächlich Angst davor, wieder in einem Job zu landen, der mir keine persönlichen Freiheiten und keine berufliche Gestaltungsmacht gibt, aber beides habe ich in meinem aktuellen Job und noch dazu die meisten Wochenenden frei, was bei freiberuflichen Aufträgen eher selten der Fall ist. Dieses Gefühl finanzieller Sicherheit und einer beruflichen Perspektive hat mir geholfen, den Academia-Abschnitt hinter mir zu lassen und meine Existenzängste ad acta zu legen, die ich trotz stabiler Auftragslage in freiberuflicher Tätigkeit lange Zeit noch hatte, weil sie sich nicht auf die Gegenwart bezog, sondern auf die Zukunft.

„Auf Sicht fahren“ ist in vielen Bereichen des Lebens nicht meine Stärke.

Diese berufliche Perspektive und viele der damit assoziierten Menschen hat mir auch durch COVID-19 geholfen, weil paradoxerweise in dieser Zeit eines gefühlten globalen Stillstands so unendlich viel zu tun war und ist, dass wir unser Team locker aufstocken könnten.

Das ist für uns großartig, aber an sich pervers.

Denn beim Arbeiten wie bei meinem (größtenteils erfolglosen) Krafttraining habe ich manches Mal innegehalten und mich gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Welchen Sinn hat das? Mit dem Krafttraining habe ich in Konsequenz aufgehört, mit meinem Job nicht. Weil ich sie immer wieder sehe, diese sinnstiftenden Momente, wenn wir unserer B2B-Zielgruppe helfen können. Wir verkaufen nichts, wir sind Vehikel, Medium und Katalysator für mehr Sichtbarkeit und Professionalität „unserer“ Firmen, öffentlich gefördert, aber keine Charity. Das ist an der Schnittstelle unterschiedlicher Interessen und Interessensgruppen nicht einfach, aber spannend und lässt, wie gesagt, viel Gestaltungsspielraum. Ich mache das alles sehr gerne und zehre von den vielen beruflichen Reizen für die reizarme Freizeit — ohne dabei 60-Stunden-Wochen zu schieben. Alles im Home Office. Und da wir eine Mobile-Office-Policy haben, hoffe ich, dass ich einmal ein paar Wochen von unterwegs aus werde arbeiten können, wenn die Welt sich wieder bewegt.

Alte körperliche Probleme und wie man sie (vielleicht) beseitigt

Zur Erläuterung der zweiten Sache, die mich durch COVID-19 brachte, muss ich noch einmal in das schwarze Loch blicken, das die Pandemie in mein Inneres gerissen hat. Übrigens schmeckt der Spruch, dass es doch allen so geht, ebenfalls wie schal gewordene Apfelsaftschorle, um die Analogie noch einmal zu strapazieren. Mir ehrlich gesagt scheißegal, dass es allen anderen auch so geht. Ich bin für mein eigenes Glück selbst verantwortlich, darum kümmert sich auch niemand. Entsprechend darf ich mich auch um mich kümmern, wenn es mir schlecht geht — und nicht um den Rest der Welt.

Wir schreiben also Anfang März, alle Ziele sind weggebrochen und das mit dem Sport funktioniert nicht so wie gewollt. Viele Dinge passieren auf einmal: Physio für meinen Oberschenkel mit Physio-Krafttraining (zwei Monate habe ich das gemacht, glaube ich) und Marco Sommer setzt (aus absolut verständlichen Gründen: hallo, Pandemie) die Rookie-Serie des Triathlon-Podcasts aus, von der ich ein Teil bin. Das hat mich geknickt, weil mir die Teilnahme an der Serie neuen Mut gegeben hat für das Projekt Ironman Frankfurt 2020, trotz des kaputten Oberschenkels und der absoluten Energielosigkeit. Außerdem fühlte ich mich dadurch als zur Triathlon-Community gehörend validiert — eine Validierung, an der ich in der Academia immer gezweifelt habe (und zumindest in dieses eine akademische Umfeld habe ich nicht gehört).

Man könnte meinen, dass meine eigenen Zweifel, ob ich eine Triathletin bin oder nicht, völlig hinfällig sind, weil ich es 2018 und 2019 mit Training, Wissen und Wettkämpfen doch eigentlich bewiesen habe. Aber — und das ist ein sehr problematisches Aber — meine körperliche Konstitution reflektiert das nicht, sprich: Ich sehe nicht aus wie eine richtige Triathletin. Und in meinem eigenen Anspruch an mich selbst wollte ich als Triathletin auch wie die ideale Triathletin aussehen. Und weil ich 2014-2017 größtenteils auch genau so aussah, allerdings nur dünn und ohne die Power, einen Ironman zu absolvieren. Und ich gebe gerne zu, dass die drahtigen Körper der mir 2017 bekannten Triathleten (genau zwei) einen Teil der Faszination des Triathlons ausübten. Natürlich gibt es auch Triathletinnen mit ganz anderen Körperformen, denen niemand abstreiten würde, dass sie Triathletinnen sind… und solche, die einen Ironman in 16 Stunden finishen und gar keine (leistungsorientierten oder überhaupt) Triathletinnen sein wollen, sondern das einfach nur als geiles Event auf der Bucket List in ihrem Leben sehen. Das ist für mich alles valide. Nur für mich selbst eben nicht. Denn 2018 veränderte sich mein Körper dann zum — aus meiner Sicht — Negativen. Trotz des Triathlon-Trainings. Aufgrund des Triathlon-Trainings?

Damit einher ging der konstante Frust, dass mein Körper nicht so funktionierte und sich nicht so umformte, wie er es meines Verständnisses nach eigentlich sollte mit dem strukturierten, periodisierten Training meines Coaches und einer 80/20-Ernährung (80 % gesund und lecker, 20 % lecker ohne gesund). Weder eine Ernährungsumstellung half da 2019 noch sonst irgendetwas. Wobei es nicht erstaunlich ist, dass mein Körper sich 2018, 2019 und 2020 weigerte.

Der erste Punkt waren Schlafstörungen (in der mittlerweile dritten Iteration nach Einschlafproblemen und Durchschlafproblemen 2014-2017 war ab 2018 das Problem, dass mein Schlaf nicht erholsam war — nach Gefühl und nach der Analyse der Polar Vantage V).

Der zweite Punkt war die mangelnde Regeneration, da der Sport zu viel war, Arbeit keine Erholungszeit ist und der Schlaf eben nicht funktionierte; das äußerte sich dann in einer vergrößerten Leber/Milz und erhöhtem Blutzucker.

Der dritte Punkt war eine seit vermutlich 2018 schwelende Entzündung in meinem Kiefer, die erst im Mai 2021 operativ behandelt wurde (die Narkose war geil). Größtenteils my bad, weil ich mich damit nicht befassen wollte und das einzige Symptom eine kleine Fistel am Zahnfleisch war. Grund dafür war vermutlich eine Wurzelbehandlung 2017 oder 2018 an einem Zahn neben einem Zahn, der 2010 eine Wurzelspitzenresektion erhalten hatte. Um beide Zahnspitzen hatten sich Entzündungsherde gebildet, die Entzündung ging bis in die Nebenhöhle und ein Loch im Oberkieferknochen war da auch schon. Allerdings war der Knochen neben den Zähnen komplett gesund, weshalb Mitte Mai eine doppelte Wurzelspitzenresektion vorgenommen wurde. In Vollnarkose, denn ich bin über 30 und muss mir den Scheiß (pardon) nicht noch einmal im Wachzustand geben. Die Wurzelspitzenresektion ohne Vollnarkose war eine Katastrophe 2010 und ich habe danach noch bis spät nachts gearbeitet, weil wir just an diesem Tag ein wichtiges Projekt-Update bei meinem damaligen Arbeitgeber durchführen mussten (inklusive Anwesenheit von Partnern aus Südkorea) und da lässt man das Team nicht hängen, dachte sich mein pflichtbewusstes Ich damals. Würde es heute auch nicht mehr denken.

Und diese drei permanenten Baustellen wollten dann auch erst einmal behoben werden — stets in der Hoffnung, dass einfach alles besser wird, sobald ich daran arbeite. Nichtsdestotrotz: Mein Körper hat trotz all dieser Baustellen Leistungen erbracht, auf die ich sehr stolz bin.

Eine Exkursion in die Welt der Hormone

Apropos Baustelle. Da wäre dann noch die größte Baustelle, die mich zehn Jahre lang begleitet hat: Hormone. Als ich 2010 in Ermangelung eines festen Sexualpartners die hormonelle Verhütung abgesetzt habe, habe ich meine Tage einfach nicht bekommen. Ein Bluttest, damals in Frankreich noch, zeigte zu viel Cortisol und zu wenige weibliche Hormone, was angesichts des damaligen Stresses in meinem Leben kein Wunder war. Und es gilt: Hat der weibliche Körper zu viel Stress, fährt er als erste Maßnahme die Fruchtbarkeit herunter. Bis 2020 habe ich mich phasenweise immer wieder mit der Thematik auseinandergesetzt und bin zu Ärztinnen und Ärzten gegangen. Ab 2013 hatte ich dann einige Jahre lang zu viel Testosteron und PCOS, was mir tatsächlich geholfen hat, mit Sport bei 1,85m auf 66kg zu kommen. Dabei aber immer drastisch erhöhtes Cortisol, was ebenfalls kein Wunder war, weil entweder der Job oder der Sport das Stresslevel haben explodieren lassen. Und natürlich die Schlafstörungen. Ich erinnere mich an meinem Geburtstag 2015 (glaube ich), an dem ich um 7:15 Uhr apathisch am Latzug im Fitnessstudio stand, weil ich seit 3:45 Uhr morgens wach und völlig übermüdet war, und mich fragte, wie das denn eigentlich weitergehen sollte.

Die ganzen Arztbesuche haben übrigens rein gar nichts ergeben außer Schulterzucken und Unverständnis, warum es mir mental so schlecht ging.

Nehmen Sie doch die Pille, hieß es, um die Hormone in den Griff zu bekommen. Die einzige Ärztin, mit der ich offen sprechen konnte und die mir mit Verständnis aber auch einem maßvoll erhobenen Zeigefinger begegnete, war und ist meine Frauenärztin. Sie konnte und kann zwar auch nur im Rahmen ihrer durch das kranke Gesundheitssystem vorgegebenen Möglichkeiten helfen, aber sie gleicht das durch ihre Menschlichkeit aus.

Meine schlimmste Erfahrung auf dieser Reise war übrigens die mit einem privat praktizierenden Arzt, der mir Wachstumshormone und einen Fruchtbarkeits-Medikamente-Cocktail verordnet hat. Fünf hCG-Spritzen hatte ich lange noch im Kühlschrank und ich habe ungefähr zehn davor auch genommen, weil ich an die Therapie glauben wollte und sie damals auch plausibel klang. Der Effekt einer solchen Spritze auf die sportliche Leistungsfähigkeit in der folgenden Trainingseinheit ist übrigens absolut bemerkenswert. Ich habe da ein bisschen Tim Ferriss gespielt, aber ohne Plan, sondern „auf Sicht“ — und wir wissen ja, wie gut mir dieses Prinzip liegt. Bezeichnenderweise waren diese Arzt-Phasen immer im Winter, wenn es mir ohnehin nicht so gut ging und ich mir das sozusagen on top angetan habe. Winterdepression is real.

Die einzige Änderung war, ich glaube 2017, dass meine Hormonwerte einschließlich Testosteron irgendwann nur noch postmenopausal waren (sprich: Null), mein Cortisol aber dafür normal. Meine Frauenärztin warnte mich vor Gebärmutterkrebs und ich probierte eine Hormonersatztherapie aus, meine Endokrinologin verschrieb mir 2019 Metformin gegen den „prä-diabetischen“ Blutzucker (wieso hat man als Sportlerin bitte erhöhten Blutzucker?!) und im Wissen der Offlabel-Verwendung dieses Medikamentes bei PCOS bzw. zur Regulierung des weiblichen Hormonhaushaltes und des Insulinhaushaltes. Indessen waren die PCOS-typischen, zystenartigen Eibläschen aus meiner Gebärmutter verschwunden, die einfach nur brach lag. Das alles wohlgemerkt 2018 und 2019, als ich mein Triathlon-Blog geschrieben habe, Wettkämpfe bestritten habe und körperlich „normal“ aussah. Nicht so durchtrainiert wie auf Basis des Trainings für mich „normal“ gewesen wäre (und wie ich gerne ausgesehen hätte), aber optisch betrachtet einfach „normal“.

Mit am meisten tat mir während dieser ganzen Zeit mein Triathlon-Coach Tony leid. Ich hatte im November 2018 nach meiner Leistungsdiagnostik begonnen, mit ihm zu arbeiten, weil ich meinen Körper mit dem zu vielen Training komplett überfordert hatte und diese hormonelle Thematik da natürlich mit reinspielte. Mit ihm habe ich gelernt, dass 20 Stunden Training schon extrem viel sind, dass es Entlastungswochen braucht, dass ein Ruhetag auch mal eine gute Idee ist und wie man tapert. Natürlich wusste er um meine Problematik und um meine Angst davor, was passiert, wenn ich weniger trainiere, also ging er sehr behutsam mit mir vor, erklärte mir Sinn und Grund und hatte Verständnis, wenn ich statt Krafttraining noch 90 Minuten länger geradelt bin, oder als ich mich 2019 beim ersten Mal Trainingslager auf Lanzarote komplett abgeschossen habe (das macht man ja schließlich auch so!).

Da ich so motiviert war, fiel auch mein Wintertief 2018/2019 nicht so drastisch aus und verschob sich eher auf Februar in die Zeit nach Lanzarote 2019. Ich war ab da oft nicht in der Lage, die Wattzahlen in den Intervallen zu treten, die ich auf Basis meiner Werte hätte treten können, oder so schnell zu laufen oder zu schwimmen wie für meinen Leistungsstand logisch gewesen wäre. Es war so als sei ich bei 80 % meiner Leistung irgendwie gecappt. Aber auch hier wieder: Das ist irgendwie auch kein Wunder bei einem Körper, der einfach nicht völlig gesund ist, sondern jeden Tag mit Schlafstörungen kämpft, und bei einem Kopf, der dem Körper sagt: Aber du musst doch eigentlich so und so funktionieren. Bei einem Kopf, der den Körper bezwingen möchte anstatt mit ihm zu arbeiten.

TrainingPeaks-Kurve 31.10.2018 bis Juni 2020

Nicht falsch verstehen — meistens war das Training großartig, ich höchst motiviert und fast alle Wettkämpfe waren grandios, weil mein Kopf und mein Körper da einen gemeinsamen Schalter umlegen konnten. Meine Kurve bei TrainingPeaks war sensationell von Ende 2018 bis Ende 2019 und ich habe dank Tony körperlich und mental wahnsinnig viel erreicht. Aber dann kam das Wintertief 2019 auf 2020 (meine Off-Season war einfach ein bisschen weniger Training, aber keine Trainingspause in dem Sinne) mit dem kaputten Oberschenkel (Theorie dazu nach wie vor: Kombi aus zu viel Laufen, zu wenig Dehnen und zu viel Yoga, das ich seit März 2020 auch gar nicht mehr gemacht habe nach meinen drei Monaten Hardcore-Yoga Dezember 2019 bis Februar 2020), unterbrochen von einem krassen Hoch auf Lanzarote (es war noch genialer als 2019) und dem massiven Stillstand durch COVID-19.

Das fühlte sich so an, als sei ich mit 180 km/h volles Karacho gegen eine Betonwand geknallt.

Hinzu kam auch, dass Tony nur noch wenige Athleten betreute aufgrund anderer beruflicher Verpflichtungen und ich mich mit all meinen Problemen wie eine Last anfühlte, wie eine kaputte Athletin, die den Plan nicht erfüllt, den sie und ihr Trainer gemeinsam aufgesetzt haben und den sie erfüllen will, aber körperlich nicht erfüllen kann. Bereits im Wintertief und verstärkt in der ersten Lockdown-Phase hat Tony mir viele kleine Ziele gesetzt — FTP-Tests, Bestzeit-Versuche, virtuelle Rennen — aber nichts davon hat mich ermutigt und alles davon hat mich entmutigt. Weil ich sehr genau wusste, dass mein Körper für fast nichts davon genug Energie hat und weil mein Kopf müde war vom vielen Durch-die-Wand.

Und nachdem ich Anfang März 2020 das Zocken für mich wiederentdeckt hatte, sich somit also der Ehrgeiz meines privaten Strebens vom nicht stattfindenden Triathlon auf eine Online-Welt verlagert hatte, beendete ich die Zusammenarbeit mit Tony, weil es einfach für uns beide keinen Sinn mehr machte.

Interlude

Bevor ich jetzt endlich wirklich zu der Sache komme, die mich während der Lockdowns gerettet hat, noch ein kleiner Zeitsprung. Ich habe nach dem letzten Blogpost im Juni 2020 erst einmal gar keine Fotos mehr gemacht. Es war auch in gewissem Sinne befreiend, nicht beim Radfahren oder beim Laufen darauf achten zu müssen, wo man besonders schöne Bilder für den nächsten Post knipsen könnte. Irgendwann kam die Lust auf Bilder auch wieder von selbst und jetzt habe ich die Augen wieder offen für Bilder, die ein Foto wert sein könnten. Wobei ich oft auch an solchen Bildern vorbeifahren und mir denke: Ja, das wäre jetzt ein schönes Foto gewesen, aber ich bin gerade im Flow (oder quäle mich gerade richtig auf dem Rad) und habe absolut keine Lust, jetzt anzuhalten.

Ich habe von März 2020 bis Ende Juni 2021 auch keinen wirklich strukturierten Trainingsplan gehabt, sondern einfach frei nach Lust und Laune trainiert. Entsprechend waren die Intensitäten und Umfänge auch etwas reduziert (wir sprechen von weniger als 20 Stunden im Vergleich zu mehr als 20 Stunden in normalen Zeiten und wir sprechen von der absoluten Abwesenheit von Intervallen oder anderen richtig anstrengenden Trainingselementen… hauptsächlich Grundlagenausdauer im Wohlfühlbereich). Am meisten traurig macht mich an der Sache, dass ich 2020 nicht draußen Rad gefahren bin. Zuerst, weil es sich aufgrund des Lockdowns komisch anfühlte, und dann, weil ich kein funktionierendes Rad hatte. Mein Rollenrad ist (wie erwähnt) nicht mehr fahrtauglich und bei meinem TT waren die Sockel der Hinterradbremse korrodiert, so dass diese sich nicht mehr von der Felge gelöst hat… und ich habe es mental einfach nicht geschafft, das TT in den triathlon.de-Store zur Reparatur zu bringen, nachdem der Fahrradhändler meines Vertrauens sich nicht an die Sache herangetraut hat (2021 habe ich das dann doch geschafft, liebe Grüße an Frank Sievert vom triathlon.de-Store, der mir mit seinem Rennbericht vom Challenge Walchsee so richtig Lust auf Duisburg gemacht hat). Und seit Anfang 2021 habe ich auch ein neues Rennrad, mit dem ich viele wunderschöne Kilometer draußen gefahren bin.

Als die Fitnessstudios im Juni 2020 in Bayern zum ersten Mal wieder aufgemacht hatten, brauchte ich noch zwei Wochen, bis ich auch wirklich hingehen konnte. Nicht aus Angst vor COVID-19, sondern aus Scheu davor, Menschen zu begegnen, die während des Lockdowns nicht wütend auf die Welt waren, sondern die Zeit für Selbstoptimierung genutzt hatten. Aber einmal wieder im Gym war ich auch wieder vom Gym angefixt. Schwimmtraining, Krafttraining, Spinning, Laufen auf dem Laufband, Aquajogging. Es war super.

Seit August 2020 arbeite ich wieder mit einem Coach, diesmal allerdings mit einem systemischen Coach, der auch ein Triathlon-Coach und Triathlet ist, aber eben mehr als das.

Dadurch hat sich der Großteil dieser Wut auf die Welt entladen und viele Gedanken sind ausgesprochen und abgelegt worden, die mich innerlich zuvor blockiert hatten, im und am Triathlon wieder Freude zu finden. Der zweite Lockdown im November war allerdings wieder das Gefühl, mit 180 Sachen gegen eine Wand gerast zu sein. Da hatte man gerade vier Monate lang wieder aufgebaut und mit einem Mal war wieder nichts mehr möglich. Infolgedessen bin ich im November 2020 jeden Tag draußen gelaufen und habe meinen Oberschenkel wieder überstrapaziert, so dass ich zwischen Dezember 2020 und März 2021 so gut wie gar nicht laufen konnte. Bis in den April 2021 hinein hatte ich im Kopf dann auch eine dermaßen hartnäckige innere Blockade, dass ich nicht mehr als zwei oder drei Kilometer laufen konnte, selbst als ich schmerzfrei war. Es war ein sehr zäher Prozess, wieder dorthin zu kommen, dass ich Ende Juni endlich wieder einen Halbmarathon laufen konnte. So langsam wie noch nie (das hier ist mein PB für den Halbmarathon), aber es funktioniert wieder. Und dann auch so gut, dass ich den Halbmarathon in Duisburg durchlaufen konnte. Für meine eigenen Ansprüche viel, viel, viel zu langsam, aber besser erstmal dankbar sein, dass es überhaupt geht. Auch wenn der Oberschenkel immer noch nicht so richtig in Ordnung ist, weshalb ich meine Laufleistung nicht durch Umfänge steigern kann — auf dem Rad hat das dieses Jahr richtig, richtig gut funktioniert. Ich fahre seit dem 24. Februar draußen und bin aktuell bei knapp12.000 Radkilometern 2021 (inklusive Zwift).

Im April 2020 (rund ein Jahr nach Beginn der Metformin-Therapie) habe ich dann auch völlig überraschend und ohne Ankündigung nach zehn Jahren ohne Zyklus und Periode wieder meine Tage bekommen. Und seitdem sind sie auch relativ regelmäßig wieder Bestandteil meines Lebens. Ich weiß nicht, ob Metformin der Auslöser dafür war, oder die Stabilität durch die Aussicht auf den neuen Job, oder der allgemeine Stillstand des Lebens durch COVID-19, oder fast gar nicht laufen zu können, oder dass ich mit dem Frühstücken wieder angefangen habe. Ich weiß nur, dass mein Körper da ein kleines Wunder vollbracht hat, an das ich zwar immer geglaubt habe, aber das in genau dieser Phase des Lebens doch eine ziemlich große Überraschung war. Und siehe da, seitdem das wieder funktioniert, ist auch mein Schlaf überwiegend wieder besser. Statt permanent very poor oder poor für Nightly Recharge bei meiner Polar Vantage V bekomme ich jetzt mal compromised, mal ok, aber auch mal good oder very good. Mein Hormonhaushalt hat sich augenscheinlich stabilisiert und mein Körper produziert auch wieder die Hormone, die für erholsamen Schlaf wichtig sind. Natürlich schlafe ich zyklusphasenabhängig auch mal schlecht, nach Wettkämpfen schlafe ich auch immer noch schlecht und zwischendurch ist der Schlaf auch mal grundlos nicht erholsam. Mal wache ich gerädert auf, obwohl die Uhr sagt, dass ich gut geschlafen haben soll; mal wache ich fit auf, obwohl die Uhr sagt, dass meine nächtliche Erholung für den Arsch war (immer zuerst in sich selbst hineinhören und dann erst auf die Uhr schauen, bitteschön). Und ich nehme immer noch abends zum Einschlafen eine Schlaftablette (meist Schlafsterne, ab und zu vivinox oder Betadorm). Aber das ist ein Rahmen, mit dem ich arbeiten kann.

Die Zahn-OP im Mai 2021 hat außerdem tatsächlich auch für Besserung gesorgt. Das Loch im Kiefer ist immer noch da und ich habe Probleme mit dem Zahnfleisch um die operierten Zähne herum (das sollte ich wahrscheinlich nochmal anschauen lassen…), aber ich bin nicht mehr permanent grundlos so fertig. Und ich kann wieder 120, 140, 150 Kilometer am Stück Radfahren, oder 15, 17, 21 Kilometer am Stück laufen, oder 2, 3, 4 Kilometer am Stück Schwimmen. Ich fahre auf dem Rennrad wieder einen 28er Schnitt (okay, mit dem Verhältnis 2:1 von Kilometern:Höhenmetern) und auf dem TT wieder einen 30er Schnitt (an einem GUTEN TAG) und kann jetzt daran arbeiten, mich wieder an die kleinen Berge und Rampen rund um München zu trauen (ich bin sehr, sehr viel flach gefahren dieses Jahr…).

So, jetzt kommen wir aber zum Zocken. Wirklich.

Altes Hobby, alte Ablenkung

Es gibt da also diese eine Sache, die ich im Lockdown und zwischen den Lockdowns hauptsächlich getrieben habe und die mich in Teilen durch COVID-19 getragen hat: das Zocken. Damit meine ich nicht Glücksspiel, sondern MMORPGs. Ich komme ja usprünglich aus der Gamesbranche, habe aber von 2010 bis 2020 so gut wie gar nichts mehr online oder offline gespielt. Das hat sich dann im März 2020 schlagartig geändert, als erstens alls sozialen Kontakte aus dem Gym weggebrochen sind, zweitens mein Ehrgeiz ein neues Ventil brauchte und ich drittens einen relativ neuen Server meines Lieblings-MMORPGs von anno dazumal entdeckt habe.

Auf dem Server waren auch vereinzelt Menschen, die ich von früher aus dem Spiel noch kannte. Früher heißt wohlgemerkt: 2003 bis 2010, also eine ganz andere Zeit, ein ganz anderes Alter. Aber so viel hat sich am Spiel an sich nicht geändert und auch nicht an den sozialen Mechanismen, die in einer MMORPG-Community und, im noch Kleineren, in Gilden ablaufen. Man spielt zusammen, man hängt zusammen ab im Voicechat (TeamSpeak oder Discord) oder im Discord-Textchat, man kommuniziert auch dann, wenn man gerade mal nicht spielt. Man wird Teil einer Community auf Distanz, sehr Corona-konform und ein schöner Schutz vor der Vereinsamung. Natürlich menschelt es dann auch in so einer Community und Anfang September fand dann auch ein wunderbar nerdiges Gildentreffen dieser Gemeinschaft aus Gleichgesinnten statt. Gleichgesinnte, aber auch sehr unterschiedlich gesinnte Menschen mit ganz verschiedenen Backgrounds aus verschiedenen Ecken Deutschlands (okay, auch aus Österreich) und nicht aus der Triathlon-/Cycling-Bubble. Das tat sehr gut für andere Sichtweisen auf die Dinge und half, das Ausfallen von Wettkämpfen zu verschmerzen. Das machte es auch leicht, Triathlon 2020 einfach komplett zu ignorieren und sich in dieses Spiel (später dann ein anderes Spiel) zu stürzen.

Ich habe mit dem Streaming angefangen, ich habe viel darüber und über meine Spiele gelernt und übers Spielen anno 2020 / 2021 im Allgemeinen. Ich habe mich in die Thematik eingearbeitet und meinen Ehrgeiz vom Triathlon aufs Zocken geleitet. Da ich jetzt wieder in der Gamesbranche arbeite, ist das alles auch sehr nützlich für den Job.

Hauptsächlich war alles rund um das Zocken aber eine herrliche Form des Eskapismus.

Als ich März 2021 begonnen habe, diesen Beitrag zu schreiben, war das Zocken auch noch ein sehr großer Teil meines Lebens und eine grandiose Ablenkung vom reizarmen, trägen, eintönigen, traurigen Alltag. Hätte ich diesen Beitrag im März 2021 veröffentlicht, wäre an dieser Stelle auch noch nicht Schluss, sondern ich würde vom Menscheln erzählen, würde Parallelen ziehen zwischen Triathlon-Training und den Bemühungen, die Fertigkeiten im Umgang mit der eigenen Spielfigur zu verbessern. Ich würde über MMORPGs philosophieren und über die naheliegende, aber noch zu wenig ausgereizte Verbindung zwischen physical E-Sport und der Gamifizierung des Sports.

Aber? Nun, seit etwa vier Wochen habe ich so gut wie gar nicht mehr gezockt. Das größte Projekt des Jahres wollte gestemmt werden, ich habe mich auf den Ironman 70.3 Duisburg vorbereitet, war am Fuschlsee (zum ersten Mal verreist dieses Jahr) und bin überhaupt in den letzten Monaten wieder mehr in die Triathlon-Bubble hineingerutscht. Und das fühlt sich gut an, das fühlt sich richtig an, ich bin motiviert und euphorisiert. Und deshalb ist der Abschnitt übers Zocken jetzt auch schon zu Ende. Aber einer kommt noch.

Was wird…

Zur Vergangenheit lässt sich noch viel mehr sagen und der Post war ursprünglich auch noch länger, bis ich ihn tatsächlich sehr untypisch für mich wieder und wieder gelesen und gekürzt habe. Aber was wird denn jetzt?

Ich habe den Ironman 70.3 Duisburg letzte Woche gefinisht und fliege am Mittwoch nach Paris zu The NWC. Auf dem Rückweg von Duisburg habe ich mit dem lahmen DB-WLAN ein Ticket für den Ironman 70.3 Mallorca am 16. Oktober gebucht (WTF, 450 Euro?!) sowie eines für Mallorca 312 am 24. Oktober. Dazu natürlich Flug und Hotel und Mietrad bei Hürzeler. Das reicht auch erstmal für 2021 (… vielleicht). 2022 bin ich auf jeden Fall gemeldet für den Ironman Frankfurt am 26. Juni. Der Gedanke daran verursacht jetzt schon Gänsehaut.

Für den Winter ist außerdem geplant, nach Mallorca in diesem Jahr noch eine andere Insel zu bereisen und mich Ende Januar bis Anfang Februar wieder auf den Weg nach Lanzarote zu machen, denn das hat mir dieses Jahr richtig, richtig, richtig gefehlt. Gran Canaria und Fuerteventura kenne ich noch gar nicht und auf Teneriffa würde ich gerne auch einmal den sonnigen Süden erkungen und von ganz unten auf den Teide hochfahren. Alles natürlich eine Frage des Geldes und des Gewissens hinsichtlich der katastrophalen Ökobilanz von Flügen, aber ich möchte einfach einen schönen Winter in angenehmer Gesellschaft und mit vielen Radkilometern erleben.

Ich war 2021 außerdem dreimal richtig schön wandern und auch dazu wird es einen Post geben. Mehr Touren im goldenen Herbst wären ganz wunderbar, denn im Bereich 1.000 bis 1.500 Höhenmeter gibt es noch viele Berge im Voralpenland, die ich nicht kenne und ja, auch beim Wandern kann man sich herrlich abschießen.

Ich bin auch immer noch in Marcos Triathlon-Podcast-Rookie-Serie und auch das möchte ich in einem Post noch einmal aufgreifen.

Für 2022 habe ich ansonsten noch keine Wettkämpfe geplant oder gebucht. Die Lage ist mit COVID-19 ist auch nach wie vor so vage, dass Vorausplanen nur mit Fragezeichen stattfinden kann. Die Klassiker in und um München möchte ich sehr gerne machen (beim triathlon.de CUP aber definitiv nicht die Mitteldistanz, wenn es dabei wirklich wieder nur in 4km-Runden um die Regattastrecke geht…), Ingolstadt und das Allgäu fehlen mir noch in der Sammlung. Und dann… mal schauen. Ich würde jeden Wettkampf derjenigen noch einmal machen, die ich bis jetzt schon gemacht habe. Ich würde auch zwei Langdistanzen 2022 machen, wenn es mich in Frankfurt nicht komplett aus dem Leben katapultiert (ich habe nach Duisburg genau einen Tag Trainingspause gemacht und bin seit Dienstag wieder voll dabei; regenerieren kann mein Körper ja also eigentlich). Außerdem will ich die ersten Brevets angehen und noch ein paar längere RTFs machen, wenn Paris-Brest-Paris 2023 wirklich irgendwie realistisch in Betracht gezogen werden soll. Und natürlich am liebsten auch noch ein paar Destination Races in Verbindung mit Urlaub. So much to do, so little time.

Aber in erster Linie will ich gesund bleiben und den Spaß am Triathlon behalten.

Und meinen linken Oberschenkel in Ordnung bringen, indem ich viel Aquajogging betreibe, so viel wie nötig laufe und versuche, auf meinen Körper zu hören, damit sich der positive Trend in Bezug auf Leistung, Gewicht und allgemeinen Gemütszustand weiter fortsetzt. Einfach immer wieder den Flow finden. Hart zu sich selbst sein, aber nur dann, wenn es wirklich Sinn macht. Meinen eigenen Trainingsplan befolgen und spontan links liegen lassen, wann immer ich das möchte. Leistung stabilisieren und langsam verbessern. Und auch die schlechte Laune zulassen, die Ungeduld und die Wut, die ebenso ein Teil von mir sind wie der Dickkopf, die Ausdauer und die Freude an diesem verdammt geilen Sport.

Auf jeden Fall werde ich wahrscheinlich nicht mehr einmal pro Woche einen Blogpost verfassen und das hier wird auch nicht mehr Projekt Iron(wo)man heißen. Aber ich werde schreiben mindestens Rennberichte, Reiseberichte, einen Wander-Post und einen Triathlon-Podcast-Post und ich freue mich über eure Nachrichten.

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