Foodshaming und Essen als Religion im Jahr 2019

Da heute zunehmend die großen Anker der Gesellschaft ‚versagen‘, muss eben das Essen als neuer Marker für Normverhalten und Foodshaming herhalten. Mit ‚versagen‘ meine ich übrigens kein komplettes Versagen, sondern ein spürbares Abwenden. Ein Abwenden von Religion, Konsum, Kapitalismus, Demokratie, Faktenbasis, wertgeprägten zwischenmenschlichen Beziehungen und dergleichen. Es sei natürlich auch eingeräumt, dass all diese Pfeiler einer modernen Gesellschaft nach wie vor Zuläufer verzeichnen. Auch wenn diese Konzepte individuelle und kollektive Zusammengehörigkeit bzw. Abgrenzung ermöglichen, so ist doch keines gleichzeitig so intim und so öffentlich wie das Konzept des Essens. Die Nahrungsaufnahme ist ein sich täglich wiederholendes Anbeten der Götzen einer wie auch immer gearteten ‚richtigen‘ Ernährung. Die Religion des Essens kennt viele Konfessionen: die Allesfresser, die Vegetarier, die Veganer, die Genießer, die pragmatischen Esser, die Low-Carb-, Low-Fat-, Keto-, Raw-, … -Anhänger; oft handelt es sich dabei um Sprunghafte, die Phasen ihres Lebens Phasen in ihrer Ernährung unterordnen.

Das intime Vergnügen, alleine heimlich einen Großpackung Eis zu essen, während mit anderen das Verspeisen eines ‚gesunden‘ Salates zelebriert wird, steht wie kein zweites Bild für das Spannungsfeld, das Essen zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum aufmacht. Nach außen ist man der Ernährungsmaxime hörig und diszipliniert, für sich selbst fehlbarer Mensch mit Gelüsten; die Beichte findet auf der Waage statt und zur Sühne verbannt man den Zucker aus dem Vorratsschrank, bis das Fleisch wieder schwach wird und das nächste Eis dran glauben muss. Der Vergleich mit religiösen Praktiken drängt sich nahezu auf. Bei unrealistische Portionsgrößen ist zudem das schlechte Gewissen vorprogrammiert, wenn man nach einer ‚Handvoll‘ nicht aufhören kann, weil doch die Lebensmittel so konfiguriert sind, dass wir gar nicht mit dem Essen aufhören können, bis die Tüte leer ist.

Früher war das Fett der Teufel, heute ist es der Zucker. Wir sollen maßvoll essen, werden aber überall zur Maßlosigkeit verführt. So ist es wenig verwunderlich, dass sich Jünger der besonderen Ernährungsweisen zusammentun, um die wilde, undisziplinierte Masse zu bekehren. Der Prozess der Missionierung findet auf allen Kanälen statt, die das Privatleben berühren: über Social Media, Massenmedien und Opinion Leader. Sie tragen die Kunde der ‚guten‘, der ‚einzig richtigen‘ Ernährung weiter, untermauern ihre Thesen mit allerlei authentischen Beispielen – idealerweise anhand ihrer eigenen Transformation vom sündigen Gierschlund zum tugendhaften Genießer – und lassen keinen Zweifel daran, dass ‚es‘ nur so funktionieren kann, wie sie es gemacht haben; sei dieses ‚es‘ nun die Gewichtsabnahme, der Muskelaufbau oder das Bezwingen einer chronischen Krankheit. Vor den allgemeingültigen Regimes der Diäten zählt nicht das Individuum mit seinem eigenen Stoffwechsel und seinen eigenen Ernährungsmustern: Wir müssen alle gleich gemacht werden, dem einen verordneten, besten Ernährungsplan, vielleicht auch Ernährungsplan, blind folgen und uns religiös daran halten, denn nur dann wird sich der Erfolg einstellen. Dabei ist in vielen Plänen sogar der Kontrollverlust kontrolliert; man gesteht uns mit so genannten ‚Cheat Days‘ die hemmungslose Völlerei zu, die uns sonst verwehrt bleibt.

Wer ist nun aber besser dran: Die Food-Jünger einer Ernährungskonfession, oder die Essensatheisten, die sich jeglichen Zwang der ‚gesunden‘ Ernährung entziehen und ihren Körper dafür verunreinigen mit all dem Müll, den die Lebensmittelindustrie billig und ständig bereithält? Wenn der eigene Körper ein Tempel sein soll, den es zu beschützen gilt, wovor braucht er dann wirklich Schutz und was richtet im Endeffekt psychisch oder physisch den größeren Schaden an? Gewiss gibt es zwischen den Extremen des Laissez-faire und des Faire-tout tausend Nuancen, die zu einer ernährungstechnischen Balance zwischen der eigenen Konzeption von Richtigem und Falschem führen. Doch gibt es sie wirklich, die Menschen, die völlig unbeeinflusst von der medialen Aufbereitung und der öffentlichen Zelebrierung der Religion des Essens ihren Weg gehen? Die nicht das Gefühl für Hunger verloren haben, die nicht Durst mit Appetit verwechseln, die immer wissen, was ihr Körper gerade braucht, die nicht selektiv an allem herummäkelnde Esser sind, sondern einfach ihren Organismus mit Treibstoff versorgen, ohne sich zu viele Gedanken darüber zu machen? Bestimmt gibt es sie, bestimmt auch nicht nur fernab der modernen Mittel der Kommunikation. Doch sie sind zu rar gesät als dass sie wirklich Einfluss nehmen könnten auf all jene, die – wie es heute eben normal ist – sich viel zu viele Gedanken um ihr Essen und um das Essen machen.

Allein die Unmenge Websites, Foren und Gruppen im Internet zum Thema Ernährung zeigt, dass die Religion Essen mit ihren zahlreichen Konfessionen nur noch mehr Anhänger um sich gruppiert, die Symbole der jeweiligen Ernährungsform feiern. Da steht die Avocado neben den Overnight Oats, die Chiasamen reihen sich ein neben den Fat Bombs und Mandelmilch muss sich mit Tofu arrangieren. Die Einteilung in ‚gute‘ und ‚böse‘ Lebensmittel ist simpel und bietet Orientierung im Ernährungsdschungel – gleichzeitig steht diese Kategorisierung wohl am Beginn jeder Essstörung. Dabei ist Orthorexie nur eine jener Formen eines gestörten Verhältnisses zum Essen, die wie ein Kult oder eine Sekte im Geheimen lange Zeit brodeln kann, bevor nach außen erste Anzeichen sichtbar werden. Es ist fatal, nur Adipositas, Anorexie und Bulimie als behandelnswerte Essstörungen zu bezeichnen, denn es sind diese stillen Esskrankheiten, die es der Lebensmittelindustrie noch leichter machen, mit immer neuen Verheißungen ihrer Produkte treue Anhänger zu generieren.

Dabei ist es grundsätzlich egal, welche Form der Essstörung der verkrampfte Umgang mit dem Essen hervorruft: Ist man einmal in einer solchen Spirale gefangen, gibt es zwar Therapien, aber ganz wie beim Alkohol ist man danach eben nur ‚trocken‘, jedoch nicht ‚geheilt‘; und jeder Umgang mit dem Essen hat die unschuldige Naivität des Versprechens verloren, dass man sich selbst und seinem Körper einfach etwas Gutes gönnen möchte und etwas, auf das man Lust hat. ‚Etwas Gutes‘ sollte hier stets im Auge des Betrachters liegen, denn ein bunter Salat kann ebenso das passende ‚Gute‘ sein wie ein Steak oder ein Becher Eis.

Foodshaming

Die Mode der Unverträglichkeit, Malabsorption oder gar Intoleranz ist ein weiterer Kult, der seit einigen Jahren zelebriert wird und den wirklich Kranken die Legitimationsgrundlage raubt. Wer normal isst und kein Ernährungsproblem wie ein Signal vor sich herträgt, der gilt als gestört und unvollkommen. Der Perfektionismus der individualisierten Imperfektion gebietet eine gewisse Tragik eines Schicksals, das dem Einzelnen Verzicht auferlegt, um ihn dadurch umso stärker den Widrigkeiten des Lebens trotzend darzustellen. Selbst wenn nicht Gluten, Laktose oder Histamin die Hauptdarsteller der selbstdiagnostizierten Qual sind, dann müssen einzelne Lebensmittel oder Speisen dafür herhalten, dass man sie eben nicht isst. Ein ‚das schmeckt mir nicht‘ ist ethisch unvertretbar, denn wir schämen uns doch öffentlichkeitswirksam, dass wir alles haben, während anderswo immer noch Menschen verhungern. Moralisch anerkannt und überaus bedauernswert hingegen ist ein ‚das verursacht bei mir Magenschmerzen‘. Man würde ja also dieses oder jenes essen, aber man kann es nicht und man leidet auch darunter.

Das soll bei weitem nicht heißen, dass der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel nicht sinnvoll ist, sei es aus gesundheitlichen, ethischen, ökologischen oder religiös motivierten Gründen. Jedem sein eigenes Pläsir; denn als Einzelperson kann man sich nicht anmaßen, das große, globale Gebilde der Ernährung mit einzelnen Thesen zu bombardieren, ohne sie ausreichend wissenschaftlich zu belegen. Ein vielzitiertes Beispiel dafür ist der Verzicht auf Fleisch zugunsten der Umwelt, da Tiere und Tierverarbeitung Treibhausgas produzieren, Wasser und andere natürliche Ressourcen verschwenden, die anderswo gebraucht würden. Das ist ein Argument – aber ein fehlbares angesichts des Gegenarguments, dass der Verzicht auf das eigene Auto der Umwelt verhältnismäßig mehr helfen würde. Der Verzicht auf Fleisch wird genauso oft auch anders begründet, sei es mit dem Tierwohl, einer bestimmten Ethik oder gesundheitlichen Gründen vom Risiko des roten Fleisches bis hin zum Risiko der Aufnahme von an Tieren verfütterten Antibiotika. Je nach Perspektive kann man sich all diese Argumente also so zurechtlegen, dass sie wieder in die eigene Essensreligion passen: Ich esse nur noch regionales Biofleisch. Ich esse kein Schwein mehr. Ich esse nur noch Fisch.

Der Mensch erstickt seine Lust am Essen so in rationalen Argumenten und reglementiert sich; genauso, wie er sein Körpergefühl an anderer Stelle in irrationalen Gelüsten erstickt und sich vollstopft mit Dingen, die er nie gegessen hätte, wenn er nicht ständig zwischen den Extremen Kontrolle und Kontrollverlust pendeln würde. Halt gibt ihm dann einzig die Religion des Essens, die sich mit seinem Charakter am besten vereinbaren lässt. Denn der Mensch ist schwach und bequem – eine restriktive Ernährung, die völlig gegen seine Überzeugungen geht, wird er nicht durchhalten. Der Fleischfresser findet zur ketogenen Diät, der ethisch und moralisch ‚gute‘ Mensch wird vegan. So offensichtlich wie diese beiden Begründungen sind nicht alle, doch der individuelle Ernährungsstil wird, so wie die Wahl der Kleidung, unweigerlich zum Aushängeschild der eigenen Persönlichkeit – und damit macht man sich angreifbar. Schlimmer noch als die Versuche des Bekehrtwerdens zu einem anderen Ernährungsstil ist die plakative, offen und schamlos kommunizierte Intoleranz, der sich die Esser ausgesetzt sehen. Während Bodyshaming, Fatshaming und sonstiges, auf das Äußere bezogene Beschämen mit dem erhobenen Zeigefinger angekreidet wird, erlebt Foodshaming Hochkonjunktur.

Möglicherweise ist dieses Beispiel sogar harmlos, doch für mich Anlass genug, um diesen Text zu verfassen: Eine Person des öffentlichen Lebens hatte ein Foto eines Barbecues (nicht von ihr ausgerichtet) in einem sozialen Medium gepostet, nur um dieses Bild dann wieder zu löschen, da es einige ihrer Anhänger ‚verletzt‘ hatte. Eine wortreiche Entschuldigung folgte: „(…) I realize I have a following that comes from several diverse backgrounds, cultures & lifestyles and I am proud of being raised to (do my best 🙌🏼 to) not judge others and be accepting of all walks [sic.] of life. I just wanted to say I am sorry to those that I offended.“ Ich las diese Zeilen recht ungläubig las und mir drängte sich genau hier der Begriff Foodshaming regelrecht auf. Diese Person entschuldigt sich dafür, ein Foto einer sozial als normal verstandenen Praktik veröffentlicht zu haben, weil ihre Folgschaft sie dafür angekreidet hat. Die Intoleranz und das Fingerzeigen dieses Foodshamings offenbaren die Hässlichkeit einer von Essenskulten beherrschten Moderne, die ihre Essenskulturen zunehmend vergisst. Nichts anderes geschieht, wenn eine nach aktuellen Normen nicht Idealmaßen entsprechende Person etwas isst, das nach dem Stand der gerade besonders angesagten Essensreligion nicht ‚gut‘ ist – hier wird auch mit dem Finger gezeigt, bewertet und verurteilt. Dazu noch ein drittes und letztes Beispiel, wiederum als Kontrast zum Zelebrieren des Essens als Ausdruck von Kultur. Die Rede ist von allerlei Pulvern und Shakes, die echte Nahrungsmittel ersetzen sollen, entweder als Mittel zum Abnehmen oder als rein pragmatische Zufuhr von lebensnotwendigen Nährstoffen, die nichts mehr mit Genuss und Freude an der Zubereitung und am Verzehr von Essen zu tun hat. Essen verkommt an vielen Stellen im Berufsalltag zu einer Notwendigkeit; um das Loch in der Seele zu füllen, das eine im allgegenwertigen Vergleich mit anderen stets unzureichend erscheinende Existenz erzeugt – oder um den Körper zu befeuern, damit er leistungsfähig bleibt, wenn der Wert des Menschen nur noch an seiner Leistung gemessen wird. Die Selbstsabotage ist dabei vorprogrammiert; und sie kommt in Form von einem Nachmittagsleistungstief aufgrund von ‚falschem’ Essen, oder in der Gestalt von Kompensationshandlungen, um die Befriedigung durch den fehlenden Genuss beim Essen zu ersetzen.

Leiden wir alle an einer kollektiven Essstörung oder können wir zum Essen wieder ein normales Verhältnis aufbauen, ohne es als Religion zu verherrlichen oder andere mit Foodshaming für ihre Essensentscheidungen bloßzustellen? Ich zweifle daran – zumindest solange, bis sich eine andere Religion findet, die den Stellenwert des Essens einnehmen kann.

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