Projekt Iron(wo)man. Recap Woche 19: Ein Radmarathon in Regensburg

Zu Fuß fehlt er mir noch, der Radmarathon, äh, Quatsch, der Marathon. Aber auf dem Rennrad habe ich jetzt endlich auch einen offiziellen RTF-Radmarathon in den Beinen. Im Gegensatz zur Fußvariante hat der nämlich nicht 42, sondern mindestens 200 Kilometer – und genau dafür ging es am Sonntag um fünf Uhr morgens nach Regensburg. Aber immer schön der Reihe nach…

Wer mitfahren möchte, der kann sich jetzt direkt hier in meinen Windschatten hängen und da ein bisschen herumlutschen, äh, herumlesen (das Wort Windschattenlutscher gibt es übrigens wirklich, sogar in Word). In ebendiesem Windschatten warten die letzten 18 Wochen meiner nunmehr 19-wöchigen Trainingsreise bis hin zum Finish einer Ironman-Langdistanz. Tag X ist zwar noch ein bisschen entfernt, aber auch ansonsten treibe ich mich trainingstechnisch viel herum und berichte einmal pro Woche, wie es so gelaufen ist mit dem Training. Das artet zwar immer in kleine Textmonster mit ellenlangen Schachtelsätzen aus, aber wenn ich beim Training leide, dürft ihr beim Lesen leiden. Wobei… Mir macht das Ganze ja auch noch Spaß, wie man zwischen den Zeilen in den folgenden Einträgen zwischendurch mal so zufällig erahnen kann: Woche 18Woche 17Woche 16Woche 15Woche 14Woche 13Woche 12Woche 11Woche 10Woche 9Woche 8Woche 7,  Woche 6Woche 5Woche 4Woche 3Woche 2Woche 1 und Tag 1.

Wie schon in den letzten Wochen, folgt auch heute an dieser Stelle kurz eine kleine Werbeunterbrechung, bevor ich ausschweifend von meinem ersten offiziellen Radmarathon berichte Triathlon frisst mir die (ohnehin schon kurzen) Haare vom Kopf, deshalb freue ich mich über Sponsoren, die mich via PayPal.me unterstützenmeinen Lagerbestand auf eBay reduzierenmir mit Material von meiner Amazon-Wunschliste aushelfen (gerne auch gebraucht), über meine Amazon-Affiliate-Links Produkte kaufen (z.B. zuckerfreie Schokolade, denn die geht immer) oder mir tolle Tipps geben und mit mir trainieren. Besten Dank – den vollständigen Werbetext gibt es außerdem hier.

Mittlerweile entwickle ich mich zu einem richtigen Tria-Geek. Man muss dazu sagen, dass ich schon immer dazu geneigt habe, aus meinen Hobbys richtige Leidenschaften Obsessionen zu machen und total darin aufzugehen. Das äußert sich dann beispielsweise darin, dass ich statt Filmen nur noch Ironman-Übertragungen ansehe. Oder statt Büchern nur noch Triathlon-Artikel lese. Oder F. bei unserer kleinen Ausfahrt am Donnerstag aus dem Nichts heraus Sachen fragte welche Kurbellänge er eigentlich hat, weil ich am Tag zuvor im Triathlon-Magazin einen Artikel über verschiedene Kurbellängen gelesen habe und warum man vielleicht „kürzer“ treten sollte, sprich: eine Kurbellänge von 170 oder 165 mm anstelle der normalen 175 mm wählen sollte. Oder mir Tria-Räder konfiguriere. Wenn ich meine Dame Arcalis so ansehe und mir überlege, wie wenig ich eigentlich über Rennräder wusste, als ich sie gekauft habe, dann frage ich mich, ob ich sie auch mit dem ganzen neuen Wissen gekauft hätte, oder ob ich (wie sonst nur bei Laptops) wochenlang irgendwelche Modelle verglichen hätte und wertvolle Trainingsstunden damit vertan hätte, mich immer noch mehr zu informieren, bevor ich irgendwas kaufe. Wahrscheinlich wäre die Saison dann rum gewesen und ich zwar schlauer, aber ohne Rennrad. Nein, ich bin wirklich froh, dass dieser Quasi-Impulskauf so stattgefunden hat; manchmal muss man an die Dinge mit einer gewissen Naivität und ohne zu viele tatenhemmende Vorabinformationen herangehen. So wie ich vielleicht seit 19 Wochen an das Projekt Langdistanz, aber nicht zu wissen, was kommt, macht das Ganze nur umso reizvoller.

Mir fallen da noch so ein paar nette Indizien dafür ein, dass man einen Triathleten vor sich hat: Ein Triathlet kauft statt Feinkost Wettkampfkost (sprich: Riegel und Gels), putzt sonntags das Rad anstelle des Autos, will zum Ironman Urlaub nehmen anstatt über Ostern oder Pfingsten, hält „Einteiler“ als Mann durchaus für tragbar, kennt die Wettervorhersage besser als seinen Terminkalender, kauft Anti-Chafing-Cream statt Bodylotion, und so weiter… Das als lustige pseudo-Anatomie-Grafik mit wegweisenden Pfeilen und voilà, schon hätten wir ein schönes Plakat, auf dem die Spezies Triathlet allen Nicht-Triathleten fix erklärt wäre. Kommt in meine Ideenschublade für später.

Als ich vorhin meine letzte Schwimmeinheit auf Strava von privat auf öffentlich geschaltet habe (und wieder der Versuchung widerstanden habe, „Pendeln“ anzuklicken – wobei es ja tatsächlich einige Isar-Pendler hier in München gibt, das ist großartig), habe ich mich mal wieder gefragt, wieso Strava es nicht hinbekommt, die Schwimmanzeige ein bisschen aufzupeppen (z.B. „Wettkampf“ als Option anzugeben, die Herzfrequenz auszulesen, die Schwimmstile aufzulisten – der V800 erkennt nämlich, welche Schwimmarmbewegung ich durchführe… okay, dafür zählt er reine Beinschlag-Bahnen innen gar nicht) oder im offenen Wasser vielleicht sogar Segmente. Da wird Schwimmen wirklich stiefmütterlich behandelt. Eine Schande ist das. Es würde mich tatsächlich viel mehr zu all den Technikübungen motivieren, wenn ich meinen PR bei „Badewanne 25 Meter“ brechen könnte. Oder meinen Unterarmumdrehungsrekord bei „Entenpaddeln“ endlich rocken würde. Man stelle sich mal vor, es gäbe auf Strava die Challenge „10 Kilometer Kraulbeine in einer Woche“. Boah, würde ich abgehen! Aber gut, man kann nicht alles haben.

Nach dem verregneten Wochenende sollte es endlich wieder schön werden. Grund genug, um nochmal ein bisschen an dem RR herumzubasteln und es hübsch zu machen zu tunen für den Saisonabschluss. Erster Streich: das Cinelli-Lenkerband, von dem ich letzte Woche ja schon gesprochen hatte. Für die beiden Hörner des Tri-Aufsatzes hat sogar ein Band gereicht, das ich absolut unfachmännisch frei aus der Hüfte gekonnt um die Hörnchen gezwirbelt und mit Gaffa-Tape festgemacht habe. F. hat natürlich sofort bemerkt, dass auf einer Seite eine Stelle an der Außenseite des Knicks freiliegt, da muss ich nochmal nachzuppeln. Natürlich habe ich auch nicht gut genug gewirbelt, dass die Enden unten komplett unter dem Gaffa-Tape verschwinden, also muss auch hier noch nachgebessert werden – aber das Wichtigste ist, dass ich jetzt mit meinen Händen auch im absolut verschwitzen Zustand die Hörner bombenfest umkrallen umfassen kann. Die leicht samtene Oberfläche fühlt sich super an und es sieht auch richtig stark aus:

Apropos Lenkerband: Das hier von Cinelli finde ich auch schick, denn wenn man der Beschreibung glauben darf, ist darauf das „Hobo-Alphabet“ abgebildet, also „Geheimsymbole der per Güterzug vagabundierenden US-Wanderarbeiter des späten 19. Jahrhunderts“. Kannte ich gar nicht – also wieder was gelernt. Ich warte ja nur darauf, dass die Rennradlergemeinschaft auch so eine Art Geheimalphabet entwickelt und die Symbole an Bäume oder auf Straßen vor besonders schönen oder gefährlichen Abschnitten sprayt. Quasi komoot-Highlights oder Strava-Segmente in der Live-Version.

Das zweite Extra sollten die Speed- und Cadence-Sensoren von wahoo sein. Im Gegensatz zu den Sensoren von Polar kann man bei denen nämlich ganz einfach die Batterien austauschen (die von Polar müsste man recht brachial aufbrechen). Weiterer Vorteil: Man muss keine Magnete an Kurbel oder Speichen befestigen. Der Speed-Sensor war fix am Vorderrad festgemacht (trotz minimalistischer Anleitung) und den Cadence-Sensor macht man – eigentlich auch ganz einfach – an einer der beiden Kurbeln fest. Ja, eigentlich. Denn in einem Anflug von geistiger Umnachtung (ich bin einfach nicht wirklich praktisch veranlagt), habe ich den Sensor natürlich auf der Kurbel rechts befestigt, ohne zu bedenken, dass der Sensor damit an der Kette entlangschrammt und das ja nicht Sinn der Sache sein soll. Ist mir bei der ersten Ausfahrt damit nach zwei Metern auch prompt aufgefallen, wofür hat man denn studiert. Also kurz beim Bäcker eine Schere ausgeliehen (die Fachverkäuferin sah mich sehr skeptisch an), Kabelbinder durchgeschnitten und den Sensor in den Schuh gesteckt (man kann ihn nämlich alternativ auch einfach am Schuh festmachen, also sollte im Schuh ja wohl auch kein Problem sein). Die Sensoren lassen sich auch wunderbar mit dem V650 und dem V800 pairen? „Und“? Nein, eigentlich: oder. Denn wie bei allen Sensoren kann ich die Dinger entweder mit dem einen oder mit dem anderen Gerät benutzen, also: Wenn ein Gerät mit den Sensoren aktiv ist, findet das andere sie nicht mehr. Und das im Jahr 2018! Mensch!

Das dritte Extra war ein Geschenk des Himmels von F. Seitdem ich den Trialenker montiert habe, passt der V650 nicht mehr so richtig auf den Vorbau. Platz wäre zwischen den beiden Hörnern zwar genug dafür, aber wenn man ihn einrasten lassen will, muss man ihn zunächst schräg in den Verschluss setzen und dann um eine Viertelumdrehung drehen – und dafür ist nicht genug Platz. Zuerst habe ich versucht, das Ding mit Gummis und der Polar-Halterung am hintersten Ende des Vorbaus festzubinden, aber daraufhin ist der V650 so herumgewackelt, dass er bei jeder zweiten kleinen Unebenheit im Boden mit dem Menüwahl-/Ausschalten-Knopf an den Hörnern angestoßen ist und ich somit recht zerstückelte Aufzeichnungen meiner Radausfahrten hatte. F. hat mir dann eines seiner Mounts für Trialenker von Profile Design vermacht. Das Ding schraubt man einfach zwischen den Hörnern fest und kann darauf dann die Halterung für den V650 platzieren. Grandios!

An einem der Tage kam dann auch noch ein Extra, das meine Kreditkarte mal wieder zum Verzweifeln bringt. Der DPD-Lieferant kündigte sich unten an der Haustür charmant mit „Ich hab‘ ein Päckchen für Sie“ an, et voilà, so sieht also ein Päckchen bei DPD aus. Da drin ist ein Rollentrainer, denn im Winter möchte ich zumindest virtuell den einen oder anderen Radmarathon fahren und mit Millionen anderen Winteropfern zusammen fleißig zwiften. Ab dem ersten Kilometer kann man sieben Tage kostenlos fahren, dann kostet es saftige 15 USD pro Monat. Oha. Mit Zwift kann man neuerdings auch virtuell laufen, das probiere ich dann auch mal aus, wenn ich mir einen Geschwindigkeitssensor für die Laufschuhe besorgt habe. Wäre natürlich super, wenn man das Laufband mit Zwift koppeln könnte, damit Steigungen etc. realistisch angezeigt werden, aber das haben die Foltergeräte bei mir im Gym glaube ich nicht drauf. Aber noch bleibt die Rolle eingepackt, denn das Wetter war glücklicherweise wieder besser in der vergangenen Woche!

Oder vielleicht schicke ich sie auch einfach wieder zurück und spare das Geld lieber für ein Paar Felgen für mein Arcalis. Ich bin noch etwas unschlüssig. Jetzt aber erstmal zum Wochenprogramm – Achtung, es bahnen sich Marathonsätze an:

Der Montag begann wie so oft unspektakulär mit 2.500 Metern Kraulsprints, Kraftausdauer & Crosstrainer im Gym – also 4 x (12 Dips + 12 LH-Rudern + 50 JJs) / 4 x (12 WBS + 12 Ball-Slam + 12 KBS) / 4 x (12 KZ Bauch + KZ Rudern + KZ Trizeps), falls es jemand genau wissen will – und dann nachmittags eine kleine Runde über die Olympiastraße und zurück, insgesamt nur 52 Kilometer, weil es wirklich trotz Sonne vom verregneten Wochenende noch recht frisch war (oder ich einfach ein Weichei bin). Man beachte den geilen Effekt meiner in die Länge gezogenen Arme mit den Armlingen! Ich liebe die Dinger!

Am Dienstag war ich aufgrund einer viel zu kurzen Nacht (das kommt davon, wenn man so viele Triathlonartikel zum Einschlafen liest) saumüde (man beachte die großartigen Augenringe), und bin nach dem Schwimmen eine Pyramide auf dem Spinningrad gefahren (von 35 Widerstand bis auf 65 und wieder zurück), plus ein paarmal acht Minuten hoher Widerstand plus zwei Minuten locker, gefolgt von einem Mini-Koppellauf auf dem Laufband.

Am Mittwoch wollte ich dann nach ein paar Schontagen endlich wieder lange laufen und habe 30 hinbekommen, allerdings mit wirklich saumäßig bleischweren Beinen. Ich sollte nicht unterschätzen, was 3 Stunden Spinning mit meinen Beinen machen – im Gegensatz zum Draußenfahren tritt man ja permanent und kann Widerstand sowie TF selbst regeln, also haut man verhältnismäßig in kürzerer Zeit mehr rein und irgendeinen Effekt muss das ja auf die Haxen haben, also kein Wunder, dass die am Mittwoch etwas pikiert reagiert haben (und natürlich habe ich mal wieder keinen Pausentag gemacht, das ich auch grenzdebil). Beim anschließenden Recovery Swim im Gym habe ich dann weitestgehend nur die Arme bemüht und die Beine in Ruhe gelassen. Ich bin sogar ENDLICH mal ein paar Lagen Rücken geschwommen, das mache ich ja eigentlich nie, weil ich es nie wirklich gelernt habe, aber so viel kann man dabei tatsächlich nicht falsch machen… außer wiederholt entweder mit dem Arm oder direkt mit der Birne am Beckenrand anstoßen, weil man zu doof war, die Dachfenster mitzuzählen, die an der Decke vorbeigleiten, während man sich bemüht, beim Rückenschwimmen nicht zu ersaufen oder jemandem eine mitzugeben.

Der Donnerstag war schwimmtechnisch dann schon wieder besser (die Beine waren wieder OK) und ich bin neben Ein- und Ausschwimmen 1,9 auf Zeit geschwommen. Dabei habe ich vor allem auf meinen Armzug geachtet, genauer auf die Catch- und die Power-Phase des Armzugs, wie man sie in diesem Video eindrucksvoll und sehr anschaulich sehen kann. Es geht dabei darum, dass man beim Unterwasserarmzug zunächst mit angewinkeltem Unterarm viel Wasser „fängt“, um es dann kraftvoll nach hinten wegzuschieben, wobei man den Arm wieder streckt und unterhalb der Hüfte entlangführt, bevor der hohe Ellbogen aus dem Wasser sticht. Wenn man sich wirklich darauf konzentriert, dann spürt man die Arme dabei auch mehr, sowie den Lat, der den Arm dann nach hinten zieht. Frei nach dem Motto: Wenn es nicht scheiße weh tut, dann machst Du es scheiße.

Nach dem Schwimmen wurde es dann noch ein bisschen lustig. Ich bin zu einer Starnberger-Hinterland-mit-Schäftlarn-Runde gestartet, wollte 100 fahren und dann noch ein bisschen koppellaufen. Als ich mein Rad aus dem Aufzug herausmanövrierte (ja, es wohnt mittlerweile in meiner Wohnung im 5. Stock), begegnete ich einer Nachbarin, die auf dem Weg ins Büro war und mir viel Spaß wünschte. Nach zwei Dritteln meiner geplanten Fahrt meldete sich F. für eine kleine Ausfahrt am Nachmittag. Also bin ich nach Hause gedüst, habe den Lauf gestrichen und bin nachmittags wieder aufs Rad, um mit F. für ein alkoholfreies Radler an den Steg 1 nach Possenhofen zu fahren. Abends kam ich dann mit dem Rad genau dann zurück, als meine Nachbarin ebenfalls nach Hause kam, die mich dann etwas verdutzt ansah und fragte, ob ich denn bis jetzt unterwegs gewesen sei. Allerdings war sie sich ihrer Sache irgendwie nicht ganz sicher, weil ich morgens und abends jeweils andere Sachen anhatte (und ja, uns Frauen fällt so etwas auf), deshalb war ihr Blick wirklich Gold wert. Hätte ich fotografieren müssen, sie hätte sich bestimmt gefreut, hier gefeatured zu werden. Dafür dann eben die Aussicht auf den See am Steg 1:

Mit dem Schnitt (29,0) war ich ziemlich happy, irgendwie scheint das Pyramidenzeug doch ein bisschen zu wirken. Mal sehen, ob ich das an den letzten verbleibenden Sonnentagen noch ausbauen kann. Ach, Sommer, verweile verdammt nochmal doch!

Der Freitag fing dann mit diesem tollen Panorama und einer Schwimmsession an, gefolgt von 100 Kilometern auf dem Spinningrad (ja, wieder als Pyramide, aber diesmal hoch bis 70 Widerstand) und einem Mini-Koppellauf in Steigerungen von 10 bis 11,5 km/h.

Am Samstag wollte ich meine Beine dann schonen (haha, kleiner Scherz) wieder eine Runde per pedes draußen drehen und ein bisschen für Sonntag vorrollen. Geplant waren erstmal 21 und wenn möglich bitteschön ein bisschen schneller diesmal als die lahmen 30 vom letzten Lauf. Und siehe da – ich war tatsächlich volle vier Minuten schneller als mein PR, nämlich 1:51:09, das macht eine Pace von 5:16/km; und das, wo ich doch sonst immer bei 5:30 herumeiere. Ich war beflügelt! Ich war stolz wie Oskar! Und ich war danach auch erstmal saufertig, weil ich nicht wenig mit einer HF von über 160 gelaufen bin – und das tut richtig weh. Alles bis ungefähr 155 ist in Ordnung und längere Zeit haltbar (draußen zumindest), aber bei 158, 160, 164 wird es wirklich hart. Geil, sage ich da nur, richtig geil! Der nächste Draußenlauf ist für Dienstag angesetzt, vielleicht kann ich ja an diese Pace anknüpfen und über den Winter wirklich an die 5:00 herankommen. Dementsprechend fiel das Rollen am Nachmittag mit 51 Kilometern wieder eher kurz aus, aber das war dann auch wirklich genug, denn am Sonntag stand ja der Radmarathon an. Und er war geil.

Zugegeben: Ich weiß auch nach 205 (ok, 203) Kilometern immer noch nicht, warum diese RTF Welt – Kult – Tour Regensburg heißt. Oder warum so wenige der üblichen Verdächtigen den Weg nach Regensburg gefunden haben, um diese wahnsinnig schöne Tour mit ungefähr 2.500 Höhenmetern in unzähligen Wellen auf fast nur ruhigen Straßen mit exzellentem Straßenbelag zu fahren (alle noch müde vom Ötzi?). Aber eigentlich ist mir das auch ziemlich scheißegal, denn aufgrund der stetigen Wechsel aus Geschwindigkeitsrausch bei den Abfahrten, Aero-Konzentration auf der Ebene und Hecheln am Berg war die berauschend schöne Landschaft alles an Kultur, das ich gebraucht habe und aufnehmen konnte – und zweitens heißt weniger Fahrer automatisch: mehr (Kirschstreusel)Kuchen für mich. Aber von vorne.

Wenn man wie ich Anfang der Saison kreuz und quer in den diversen Rennradln-München-Gruppen mitfährt, dann trifft man ab und zu auf Leute, mit denen man sich dann auf Strava verbindet und vielleicht auch auf Facebook, um dann irgendwann mal zusammen irgendwas zu fahren. Das mit S. war so ein Fall. Beziehungsweise: irgendwie auch nicht. Jedenfalls hatten wir uns vor Monaten gegenseitig auf Strava hinzugefügt und wollten mal zusammen fahren. Bei der Wendelsteinrundfahrt hat es nicht geklappt, aber als Regensburg nicht mehr so weit weg war, klopfte ich bei S. mal an und fragte, ob er denn Lust und einen Platz im Auto hätte. Hatte er glücklicherweise sowohl als auch und so begab es sich, dass ich heute um 5:02 Uhr morgens fast pünktlich und in voller Montur von S. eingesammelt wurde und wir uns auf die lange Reise nach Regensburg begaben. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich fest davon ausgegangen, mit S. einmal in einer Gruppe im Norden gefahren zu sein, bei der einen Crosser dabeihatte und ich mich mit ihm darüber unterhalten hatte, wie groß wohl der Unterschied vom Crosser zum RR sein möge. Wie sich allerdings herausstellte, ist das gar nicht S. gewesen und wir waren uns tatsächlich noch absolut nie irgendwie über den Weg gelaufen. Im Prinzip war aber auch das scheißegal und hat uns natürlich nicht davon abgehalten, einen grandiosen Tag im Regensburger Dunstkreis zu verbringen. Scheiße, war das schön. Verdammte Axt. Kruzinesn. Mit dem Sonnenaufgang über eine leere Autobahn gen Norden düsen und mit dem Sonnenuntergang im Münchner Sonntagabendstau zurück in die Stadt zuckeln (ok, die meiste Zeit hatten wir freie Fahrt, aber die Dramaturgie des Satzes verlangte nach dem Stau). Mit der falschen Person im Gepäck können 205 Kilometer sehr lang werden (vor allem wenn man sie so langsam fährt wie ich), aber wir hatten so viel Spaß, dass ich jetzt mal frech die SaisonabschlussradmarathonmegastreckenRTF zur schönsten RTF des Jahres kröne. OK, das Essen war nicht ganz so geil wie bei der Wendelsteinrundfahrt, aber irgendwas ist ja immer. Dafür gab es eine Donauschifffahrtsfährenflussüberquerung und… und… und… eine BIERMARKE!

Das Bier haben wir natürlich nicht zum Start gekippt, sondern nach Abschluss der 205 Kilometer. Zum Start gab es nur einen Schluck aus dem Flachmann, man will ja nicht gleich mit Bierbauch zur Tour starten. Für 47 Euro pro Nase waren wir mit den Nummern 643 und 644 als Nachgemeldete am Start und starteten um 7:35 Uhr, als die erste Welle (die wir enthusiastisch am Start beklatscht haben) von dannen gezogen war. Auf den ersten paar Kilometern gab S. erstmal richtig Gas und ich hatte glücklicherweise schon wache Beine (Oat King Super Banana sei Dank), so dass wir mit einem 32er Schnitt in die Tour starteten. Mein Herz frohlockte schon, weil ich dachte, dass bei der Grundgeschwindigkeit der Schnitt insgesamt ja vielleicht ein bisschen höher werden würde als arschlangsam, aber es kam, wie es kommen musste: An den zahlreichen Wellen, Hügeln und Bergen ging die Geschwindigkeit dann so rasant flöten, wie sie bergab glücklicherweise wieder zurückkam. Und insgesamt kamen wir dann auf 25,2. Argh! S. war übrigens der erste Mann, der mir während der ersten gemeinsamen Ausfahrt keine Tipps zu meinem Fahrstil gegeben hat (das mit den Tipps ist ja nicht schlimm, weil ich immer gerne neuen Input nehme, aber eben auch typisch #mansplaining). Dafür habe ich dann bei unserem (kostenlosen! Wohoo!) Bier die Hausaufgabe bekommen, beim Spinning mit mehr Trittfrequenz reinzuhauen und den Puls auf über 150 zu bringen, da ich (wie eigentlich immer beim Radeln) nicht über 146 gekommen bin, sprich: Da ist noch SO VIEL Luft nach oben. Wir hätten SO VIEL schneller fahren können UND dann noch an Verpflegungsstation 3 das Bier bekommen, das bei unserer Ankunft schon alle war! Mensch!

Auf 205 Kilometer kamen übrigens zweimal Kette ab und einmal im-Stehen-nach-links-umfallen, weil ich an einem Berg wenden wollte. Hatte ich schon lange nicht mehr und es gab glücklicherweise bis auf S. auch keine Zeugen, sonst hätte ich die Mafia mal wieder bemühen müssen. Als meine Kette das zweite Mal ab war, ist ein dynamisches Duo in matching Trikots an uns vorbeigesaust und fragten, ob wir etwas brauchen – S. hat bei ihnen dann eine Pizza Funghi bestellt, aber irgendwie haben sie die dann doch nicht mehr geliefert. Schade. Wobei die Verpflegung wirklich in Ordnung war… Okay, ich bin ja immer happy, wenn es Kuchen gibt. Aber es gab auch (Instant-)Cappuccino bzw. Kaffee, Obst, Brote mit diversen Belägen, Müsliriegel, Kekse und Gummibärchen. Neben drei Verpflegungsstationen gab es auch zwei reine Trinkstationen; und an der letzten saßen ein paar nicht ganz so enthusiastisch wirkende Jugendliche, die zwar Cola ausgeschenkt, uns den (von S. bei den Kids vermuteten) Rum aber vorenthalten haben. Teenager. Bin ich froh, dass ich nicht mehr 16 bin, sondern 28. Haha. An Verpflegungsstelle #2 haben wir noch so ein dynamisches Duo in Ötzi-Trikots getroffen, die davon berichtet haben, wie scheiße das Wetter war und wie happy sie waren, einfach nur angekommen zu sein. Ich werde die zwei (die aus der Gegend von Roth stammen, die Triathlon-Heimat schlechthin) nächstes Jahr beim Ironman 70.3 Kraichgau wiedertreffen (und wahrscheinlich nur wiedererkennen, wenn sie wieder die Ötzi-Trikots anhaben). Der Ötzi fällt für mich 2019 schonmal flach, weil ich ja ein paar Tage zuvor (insofern ich verletzungsfrei bleibe, das wäre bitte sehr schön) die Nizza-Distanz in Köln mache und es außerdem äußerst schwierig bzw. kostspielig ist, überhaupt einen Platz für den Ötzi zu bekommen – aber das kann ich mir ja für 2020 vornehmen, zumal die Frauenquote anscheinend so gering ist, dass man als Frau beim Losverfahren etwas bessere Chancen hat. Aber immer der Reihe nach (das kann ich je bekanntermaßen so wahnsinnig gut).

S. fährt übrigens (wie D. bei der Wendelsteinrundfahrt) auch ein Bianchi, noch dazu ein sensationell schönes und gut ausgestattetes Bianchi.

An der anderen reinen Trinkstation wehte dann ein kräftiger Wind sämtliche fein säuberlich laminierten Streckenpläne sowie die Plastikbecher, Küchenrollen und Servietten von dannen – und S. erzählte einem kleinen Jungen am Nichttrinkwasserabererfrischungswasser-Brunnen, er müsse sich hier die Arme und das Gesicht waschen, weil er zuhause kein Wasser habe. Damit hat der Kleine gleich mal die harte Realität des Münchner Mietwohnmarktes kennengelernt: fließend Wasser in den eigenen vier Wänden gibt’s eben erst ab 2.000 Euro Kaltmiete. Dann doch lieber auf dem Land bleiben, das sich wirklich von seiner charmantesten, pittoresksten, zauberhaftesten Seite heute gezeigt hat, einschließlich einiger Altstadtruckelfahrten über Kopfsteinpflaster. Ein bisschen ländliche Kultur hatten wir also heute doch, wobei das Highlight natürlich die Übersetzung mit der Fähre über die Donau war. Immerhin 1,50 Euro pro Nase gespart, denn die Fahrt war im Preis inbegriffen. Grandios! So war übrigens auch das Wetter, im Gegensatz zu den gruseligen Wetterbedingungen beim Ötzi: morgens frisch, aber sofort Sonne; mittags und am frühen Nachmittag warm aber etwas bewölkt und zum Feierabendbier hin dann sonnig und mild. Ach, Sommer, verweile doch!

Energietechnisch lief alles auch ziemlich rund, Kirschstreuselkuchen, Käsebrot und Isozeug sei Dank (jetzt kann ich das Gesöff aber erstmal ein paar Tage nicht mehr sehen). Zwei Drittel der Strecke fühlte ich mich auch noch wirklich frisch (und spielte mit dem Gedanken, S. zu bitten, dass wir wie halb scherzhaft gesagt wirklich noch ein paar Kilometer dranhängen), aber die drei direkt aufeinander folgenden und zackigen Wellen zwischen Kilometer 139 und Kilometer 153 waren für meine Beine dann ein kleiner Horrortrip und irgendwie auch die schlimmste Passage (danach kam dann noch ein fieser 11%-Climb, aber die restlichen Wellen gingen dann wieder), so dass ich die Idee gerne begraben habe. Eine 250er wollte ich dieses Jahr ja noch machen – und die 10.000 vollmachen – aber das kommt natürlich darauf an, ob uns Münchner Radlern die Wettergötter gewogen sind. Aber insgesamt fühlen sich meine Beine jetzt doch wieder OK an und ansonsten tun mir ein wenig  die Bauchmuskeln weh vom Lachen, aber das nimmt man doch mehr als gerne in Kauf, wenn man dafür Kalauer mit nach Hause nimmt, die Worte wie „Lederjacke“ oder „Zebra“ ab sofort in einem völlig anderen Licht werden erscheinen lassen. Nacken und Schultern sind auch ein wenig beansprucht, da ich mich noch immer an die Aero-Position gewöhnen muss und so viel wie möglich liegend gefahren bin. Dafür hatte ich an keiner Stelle der Fahrt taube Hände wie sonst immer bei langen Ausfahrten – und zwischendurch mal im Liegen etwas ausruhen ist wirklich angenehm. Nebenbei habe ich übrigens auch noch stolze sechs (!) Trophäen auf den Segmenten bei Strava abgesahnt. Aus mir kann also doch noch eine Rennsemmel werden! Yeah!

Als Abschlussgeschenk für die Marathonis gab es übrigens auch noch zwei Flaschen Bier vom Kloster Weltenburg und ein Kettenreinigungsspray. Zauberhaft! Und da wir aufgrund meines Schneckentempos relativ spät am Ziel waren, durften wir sogar noch ein paar Leckereien kostenlos abgreifen, weil der Rest der Welt schon gesättigt war und die fleißigen (und freundlichen) HelferInnen ja auch mal nach Hause wollten. Rundum äußerst gelungen und verdammt schade, dass jetzt keine RTF mehr stattfindet!

Wenn ich ein bisschen Zeit und Muße habe, dann mache ich mal einen Minikalender mit den RTFs in der näheren Umgebung für nächstes Jahr. Man möchte ja vorbereitet sein. Und nachdem mir die Augen beim Schreiben gerade schon zufallen, mache ich jetzt Schluss und wünsche allseits eine sonnige, trainingsreiche und PR-lastige Septemberwoche.

Einen habe ich noch für heute: Vorhin kam von Strava mal wieder meine Aktivitäten-Monatsübersichts-Mail in mein Postfach geflattert und bei der Übersicht für meinen August wird mir dann doch mal wieder bewusst, wie sportverrückt sportsüchtig ich eigentlich mittlerweile bin. Der Witz daran ist eigentlich, dass ich Sport bis 2012 meistens als notwendiges Übel betrachtet habe und erst seit acht Jahren wirklich Spaß an der Sache habe. Ich hoffe sehr, dass ihr da draußen auch so viel Spaß dabei habt wie ich – und es nicht ganz so sehr übertreibt wie mein Wenigkeit:

 

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.