Heimat schmeckt wie Marmeladenbrot

Blog_2017_08_27

Anfang August war ich mit A. im Kino, um Dunkirk anzusehen. Als ich D. davon erzählte, reagierte dieser relativ bestürzt („In so einen Film geht man doch nicht mit einer Frau! Da schaut man sich Frauenfilme an!“); und fast noch bestürzter, als ich ihm sagte, dass wir eine Weile davor wiederum Valerian angeschaut hatten und ich mir den Film ausgesucht hatte. Ich hätte ihm noch sagen wollen, dass ich für besagte Frauenfilme keine Riesenkinoleinwand und auch keinen Arm Charm neben mir brauche, aber andererseits ist der Film manchmal ohnehin weniger wichtig als das Ritual des Inskinogehen an sich. Wie dem auch sei.

Wenngleich ich den Film so nie auf dem Schirm gehabt hätte, bin ich doch froh, dass ich ihn – statt auf dem Schirm – auf der großen Leinwand vor mir hatte. Die Bilder sind gewaltig, die Bildsprache ist von der Ästhetik leicht verblasster Fotografien überzogen, die gezeigten Aufnahmen von Himmel, Meer und Strand vermitteln den Eindruck einer Unendlichkeit, der man sich nicht entziehen kann und die einem wieder bewusst macht, wie klein man als einzelner Mensch im Angesicht der Erde doch ist. Ich hatte vor dem Kinobesuch die Rezensionen gelesen, die sich nicht einig waren, ob Christopher Nolan damit ein beeindruckender britischer Film mit amerikanischem Budget (zeit.de) gelungen ist oder ob die Collage – der Nicht-Kriegsfilm, der „Sommerblockbuster ohne Superhelden ohne Helden“ über die Alliierten, „deren Schicksal, nicht als Helden, sondern als Masse in Angst“ nicht erzählt, sondern „ganz im Hier und Jetzt des Geschehens“ (alle Zitate: zeit.de) vielmehr abgefilmt wird – zu ambitioniert ist für ein Massenpublikum, das andere Kriegsfilme – nein: Kriegsfilme anders, nein: Krieg anders gefilmt – gewohnt ist. „Man wüsste nicht zu sagen, wo der Film eigentlich spielt.“, schreibt faz.de; und so wäre es mir im Verlauf des gesamten Films gegangen, hätte ich nicht vorher mein Geschichtswissen aufgefrischt. An einem „Nicht-Ort“, denn „an die Stelle des üblichen Kontinuums von Zeit und Raum, tritt ein unaufhörliches, unabweisbares Jetzt.“ (faz.de) – dort geht man sogar so weit, die Bilder als inkompatibel mit bestehenden Klischees und Genres zu bezeichnen: „Sie fangen ganz neu an.“ Der Film ist nicht nur bildgewaltig, sondern auch in höchstem Maße grausam und gnadenlos. Soldaten, die gerettet werden und sich in Sicherheit wähnen – und dann gnadenlos wieder bombardiert werden, verbrennen oder ertrinken. „Man muss ein Kino nicht mögen, das will, dass es einem die Sprache verschlägt.“, schreibt SPON dazu. „Aber ‚Dunkirk‘ hat mir die Sprache verschlagen und in meinen Eingeweiden gewühlt.“ Ein wenig melodramatisch sind alle Rezensionen stellenweise, aber umgehauen hat Dunkirk mich auch und das flaue Gefühl im Magen nach der Kinovorstellung lag definitiv nicht am Wein, sondern an der völlig un-hollywood-esken Brutalität der Szenen, an der Hoffnungslosigkeit, an dem harten Kontrast zwischen wunderschöner Natur und grausamer Technik (bzw. noch grausameren Menschen).

Besonders hart getroffen hat mich die Szene mit den Marmeladenbroten.

Dunkirk

In meinem Gedächtnis ist der Film mittlerweile auch nicht mehr als eine Collage oder Diashow mit einzelnen Bildern, die sich immer wieder vor mein inneres Auge schieben. Die Szene, in der sich in Sicherheit wähnende, gerade frisch gerettete Soldaten auf einem Schiff unter Deck von Frauen in weißen, gestärkten Uniformen geschmierte Scheiben Weißbrot mit Butter und blutrot glänzender Marmelade nehmen – ich meine, dass es sogar die einzige Szene ist, in der Frauen vorkommen, kann mich aber täuschen – und abbeißen und sich ihre Brotscheibe entweder quer reinschieben oder genussvoll und langsam verzehren, dazu Tee aus emaillierten Bechern trinken – diese Szene hat mich am meisten berührt aufgrund ihrer Menschlichkeit, Verletzlichkeit und in gewissem Sinne auch Kindlichkeit. England, Heimat, Rückkehr – eine Mutterfigur, die sich kümmert, Tee und Brot mit Marmelade, das sind Zutaten aus dem Alltag eines Kindes; Geschmäcker, die ein „alles wird gut“ verheißen, Gefühle des Geborgenseins und der Gemütlichkeit hervorrufen, als gäbe es gleich noch ein warmes Glas Milch und eine weiche Umarmung. Alle atmen auf, stellen schicken ihre Gedanken voran in die Heimat. Die Seele, die gerade noch am Strand festhing und noch nicht glauben konnte, dass es jetzt wirklich vorbei ist, dass man gerettet ist und an die Heimkehr denken kann; diese Seele schießt nun mit jedem Bissen ein Stück weiter und schneller gen Heimat, wo tausend weitere Brote mit Erdbeermarmelade warten. Ein Moment der Erlösung, der Gnade und Barmherzigkeit in diesem gnadenlosen Bildwerk, in dieser Diashow des menschlichen Wahnsinns.

Und dann wird das Schiff bombardiert und sie sterben doch fast alle. So grausam.

Das Bild dieser Marmeladenbrote essenden Soldaten war so eindringlich, dass ich es seit Wochen in meinem Kopf mit mir herumschleppe und ahnte, dass ich es mir irgendwann aus den Ohren würde ziehen müssen, um es aufzuschreiben, damit es mich fortan hoffentlich in Ruhe lässt. Aber die Verbindung von Essen und Heimat bleibt als kleine Schwingung, die auf der Suche nach Resonanzboden ist. Meine eigene Heimat hat sich seit meinem Weggang 2004 sehr verändert und dann wieder doch nicht verändert. Die Kindheitsorte sind fast alle noch da, aber die meisten Menschen, die diese Orte in genau diesem Zeitfenster bevölkert haben, sind fort. Zurück bleiben Erinnerungen und interessanterweise in gleichem Maße gute wie schlechte Erinnerungen, beglückende und beschämende (jeder schämt sich doch ein bisschen für sein Teenager-Selbst), ein Bild von einem anderen Ich, aus dem ich herausgewachsen bin; im Gegensatz zu anderen damaligen Weggefährten, die äußerlich und größtenteils innerlich wiedererkennbar sind – das heißt nicht, dass sie stehengeblieben sind, aber dass ihre Entwicklung linearer verlaufen ist und nicht so kreuz und quer wie die meine. Meine Heimat ist also erinnerungsbehaftet und ich kann ihr nicht wert- oder urteilsfrei begegnen, wenn ich zu Besuch bin. Deshalb bin ich sehr selten zu Besuch. Aber der Gedanke an bestimmte Gerichte – oder wenn ich sie tatsächlich einmal wieder esse – versöhnt die widersprüchlichen Heimat-nicht-mehr-Heimat-Gefühle in meinem Bauch und katapultiert mich wieder dorthin zurück; nicht an den Ort, sondern in die Zeit, in den Moment, in dem das Essen in genau diesem Kontext Heimat bedeutet hat; und ein dick beschmiertes Marmeladenbrot ist eine dieser Zeitkapseln, die mich zielsicher zurückkatapultiert.

Heimat ist ein äußerst intimes Gefühl, genauso wie Essen zu den intimsten Handlungen überhaupt gehört. Man ist verletzlich, wenn man isst, man ist entblößt und komplett bei sich selbst. Man erfährt sehr viel über jemanden, wenn man mit ihm isst; und man gibt sehr viel von sich preis, wenn man Essen und das Essen teilt. Das ist mehr als lapidar „Liebe geht durch den Magen“ zu sagen und die Köchin zu meinen, die ihr Gegenüber mit ihren Küchenkünsten verführt. Essen ist Genuss, Pflege für Körper und Seele. Was und wie viel ich esse, wie ich es esse, wo und mit wem ich es esse, was ich teile und was ich ganz allein für mich verspeise. Geschmack für „gutes“ Essen ist ein Sozialisationsprozess, der mehr umfasst als den Erwerb eines „acquired taste“ für rauchigen Whisky. Gesellschaftliche Kreise definieren sich im Alltag eben auch durch Essen und durch das Essen, mehr sogar als durch den Porsche, der im Gegensatz zum regelmäßigen Essen ein einmaliger Erwerb ist. Was und wie zu essen ich gelernt habe – damals, in der Kindheit, in der Heimat – gibt mir einen Werkzeugkasten bestehend aus Geschmäckern, Ess- und Kochkünsten mit, der im ersten Schritt einen gesellschaftlichen Rahmen vordefiniert, in dem ich mich essenstechnisch bewegen kann: Vorlieben für landestypische Gerichte, Interesse / kein Interesse an Lebensmitteln und ihrer Zubereitung, Essen als Notwendigkeit oder als Genussmoment, Teilhabe an Diätwahnsinn und Glaube an Ernährungsmythen – all das reduziert die Komplexität der Essenssphäre und ich kann mich entweder auf dieser Basis weiterentwickeln oder in diesem Rahmen bleiben, Ess- und Essensstörungen entwickeln, zu viel oder zu wenig über Essen und Ernährung nachdenken. Mir kommt gerade wieder das Bild eines gar nicht so alten Herren (65?) einst am Nebentisch im Sinn, der den Mozzarella-Schaum verweigert hat, weil dieser ihm zu „exotisch“ war. Seine Frau wiederum verweigerte dann die Kartoffeln beim Hauptgericht, weil diese ihr zu „rustikal“ waren. Das ist wohlgemerkt eine Beobachtung, keine Bewertung. Tags drauf waren sie mit der Speisenauswahl wieder versöhnt, denn zum Frühstück gab es Marmeladenbrot.

Übrigens: Ich habe gezögert, ob „Heimat“ der passende Begriff für die Überschrift ist. Insbesondere in den letzten Jahren wurde der Begriff mehrfach be- und entladen, missbraucht, infrage gestellt. Was ist Heimat im Unterschied zu Zuhause? Was ist, wenn ich mich in dem Ort, der meine ursprüngliche Heimat war, nicht mehr daheim fühle? Was ist, wenn ich entwurzelt wurde oder meine Wurzeln selbst ausgerissen habe? Was ist, wenn ich zwar irgendwo zuhause bin, aber nirgendwo heimisch? Was ist, wenn ich irgendwo nicht mehr ganz bin und irgendwo anders noch nicht ganz? Was ist, wenn ich zwischen zwei Orten oszilliere, die beide noch / nicht / mehr Heimat sind? Was ist, wenn das Wort Heimat nicht Gefühle wie Sicherheit und Geborgenheit auslöst? Gibt es dann überhaupt dieses Marmeladenbrotgefühl? Ich war versucht, [       ] schmeckt wie Marmeladenbrot zu schreiben; aber dann hätte das SEO-Tool in meiner WordPress-Installation gemeckert. Nein, der Begriff „Heimat“ ist in diesem Fall schon akzeptabel, weil wir das Gefühl von Heimat durch die Soldaten empfinden und vermittelt bekommen, die in einer anderen Version der Welt gelebt haben; in einer weniger fluiden, vernetzten, sich wandelnden Welt – in einer Welt, deren Tempo noch nicht die Geschwindigkeit der eigenen Seele überholt hatte, in der die Menschen aufgrund stärkerer nationaler Rahmen, Grenzen und Konzepte samt des Gewichtes ihrer Bedeutung noch mehr verankert waren, verwurzelt, verwachsen. In der Fremde, vom eigenen Land in den fast sicheren Tod geschickt – und doch weniger heimatlos als wir von dem Konzept der nationalen Grenzen befreiten Weltnomaden.

PS: Für die Low-Carb-Fraktion unter uns – Heimat schmeckt wie Eiweißbrot mit Fruchtaufstrich ohne Zuckerzusatz.

Titelbild: Pixabay; Dunkirk-Screenshot: Quelle.

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