Beziehungen und das „Push and Pull“-Paradox

Blog_2017_05_18

Nichts ist so kompliziert wie zwischenmenschliche Beziehungen. Komplex können auch andere Dinge sein – Prozesse, Organisationen, Dynamiken –, diese sind aber in den meisten Fällen nicht kompliziert. Sie sind erlernbar und verstehbar; wer das jeweils zugrundeliegende System einmal begriffen hat, der kann seine Eigenschaften und die ihm inhärenten Abläufe analog auf andere Entitäten übertragen. Das klappt mal gut (etwa im Fall eines horizontalen Jobwechsels, vom PM in Firma X zum PM in Firma Y) und mal weniger gut (beispielsweise, wenn die KPIs des Performance-Marketings auf qualitativ orientierte Marketingformate übertragen werden).

Zwischenmenschliche Beziehungen sind ebenfalls komplex und umfassen erlernbare Prozesse; es gibt beispielsweise Normen, Werte und Regeln, an denen sie sich bewusst (nicht) orientieren (öffentliche Bekenntnis zur Beziehung, Aushandeln der persönlichen Freiheit in einer Beziehung, Grad der Ehrlichkeit der anderen Person gegenüber…) und die – so die Annahme – zu großen Teilen auch vom gesellschaftlichen Kontext abhängen, in dem eine Beziehung stattfindet. Wobei mit „Beziehung“ ausdrücklich jedwede Form des in-Bezug-Setzens, der Relation zu einander gemeint ist – also von der flüchtigen Kopfnicken-Bekanntschaft, die man immer zur gleichen Zeit am gleichen Ort sieht bis hin zur Liebesbeziehung oder den noch viel wirkmächtigeren Familienbeziehungen.

Kompliziert sind zwischenmenschliche Beziehungen jedoch deshalb, weil neben den rationalen Elementen und Prozessen das Ego, der Charakter, die Persönlichkeit, das Wohlbefinden eine Rolle spielen. Wenn man haptisch Nähe erzeugen möchte, dann umarmt man gerne andere Personen; andere lieben die Inszenierung der Luftküsschen, die Höflichkeit des Händedrucks, eine verbale Äußerung, ein Nicken oder ein Winken ohne Berührung, oder sogar die symbolische Gruppenzugehörigkeitsverbundenheit durch eigens choreografierte Begrüßungsrituale. Allein bei der Begrüßung zeigt sich, dass eine Form universal nicht auf jede Situation übertragbar ist. Selbst wenn man manchmal gerne jemanden umarmen würde, weiß man nicht immer, ob das Gegenüber den Kontakt ebenso erwidert; und selbst wenn, ist immer noch nicht klar, wie das Erwidern gemeint war: nur aus Höflichkeit, weil man überrumpelt wurde? Oder ehrlich gemeint?

Mir passiert es häufig, dass ich jemanden mit Küsschen begrüße und mit einer Umarmung verabschiede. Beim nächsten Mal gibt man sich nur die Hand oder winkt sich zu. Beim nächsten Mal sieht man sich nur flüchtig und begrüßt sich gar nicht. Dann umarmt und drückt man sich wieder fest, unterhält sich, berührt einander am Arm. All das ist höchst spannend und im Grunde genommen folgt jede dieser symbolischen Verständigungen eigenen Prozessen, die komplex sind, aber eben erlernbar und übertragbar (Anzahl der Küsschen, Dauer der Umarmung…).

Doch die Auffassung eines jeden Menschen unterscheidet sich, wann welcher Prozess getriggert werden soll – und so kommt es, dass sogar eine Begrüßung unter Bekannten zu einem kompliziert komponierten Stück mit Dissonanzen, gängigen Melodien und Pausen wird. Auch bei der Verabschiedung dreht sich die Gedankenspirale: War das zu viel, zu wenig? War ich aufdringlich, abweisend?

Und der Rest, das Zwischendrin – das Beisammensein zwischen Begrüßung und Verabschiedung und das Nichtbeisammensein zwischen Verabschiedung und Begrüßung? Nicht weniger kompliziert, bisweilen in höchstem Maße verwirrend. Wenn wir uns dann noch ins Gedächtnis rufen, dass jeder Mensch auch seine eigene Agenda zur Gestaltung einer Beziehung verfolgt, die in der Kommunikation kontrolliert externalisiert wird, müssen wir uns nicht wundern, dass es tausendundeinen „Beziehungsratgeber“ gibt. Jede Beziehung ist anders und folgt ihren eigenen Regeln.

Aber genau deshalb unterhalte ich mich so gerne über zwischenmenschliche Beziehungen. Und heute schreibe ich darüber.

„Flow“ oder „Push and Pull“?

Eine mögliche Grundhaltung ist, jeden Menschen so zu nehmen, wie er ist – und das von jedem Menschen zu nehmen, was er geben möchte. Dabei drückt man Beziehungen (nochmal: mit Beziehung meine ich jedwede Form der Verbundenheit) kein Etikett auf und hat kein Regelwerk, nach dem eine Freundschaft oder Liebesbeziehung verlaufen muss, damit sie „echt“ ist oder „funktioniert“. Zwischenmenschlicher Kontakt folgt dieser Auffassung nach einem „Flow“. In der Soziologie gibt es dazu analog das Bild von einem Fluss, auf dem man in seinem eigenen kleinen Boot sitzt: Ich kann den Fluss nicht aufhalten, aber ich kann mein Boot darin steuern. Das ist auf Beziehungen übertragbar: Man kann den Fluss einer Beziehung nicht aufhalten – sprich: Wie eine Beziehung verlaufen soll, so wird sie auch verlaufen; egal, ob ich auf die Nachricht heute antworte oder morgen. Ehrliches Interesse an einer Person verflüchtigt sich nicht einfach. Andersherum gedacht lässt sich Interesse auch nicht einfach so mit einer einzelnen Handlung entzünden. Wenn es kommt oder geht, dann kommt oder geht es eben, weil es ohnehin von vornherein kommen oder gehen sollte. Man geht also am besten mit dem „Flow“ und lässt die Dinge auf sich zukommen.

Das kann man nun entweder pragmatisch, egoistisch oder als feig nennen. Ich halte es für vor allem für praktikabel, denn damit bleibt man bei sich und trägt eher keine eigens für die Beziehung gestrickte Rolle nach außen, die zu den angedachten Beziehungsprozessen passt. Paradox daran ist, dass die durch das Fehlen der Beziehungsrolle vorhandene Nähe gleichzeitig Distanz erzeugt: „Mit dem Flow gehen“ heißt auch, passiv zu sein und nicht für Beziehungen zu kämpfen.

Auf der anderen Seite könnte man daher die Grundhaltung als „Push and Pull“ bezeichnen. Wenn man Menschen zu sich zieht und an sich bindet, geht das unweigerlich damit einher, dass man andere Menschen von sich wegstößt und Bindungen löst. Mal ist der Kontakt zu den Eltern enger, dann wieder hat man genug von der Familie und braucht erst einmal Abstand. Beziehungen können davon leben oder daran sterben, denn der Modus operandi ist hier Aushandlungssache und wird stets (oder oft) neu verhandelt. Das kann erotisch oder zerstörerisch sein; Eros und Thanatos dirigieren hier – wie so oft – abwechselnd das Orchester.

Erinnert sich noch jemand an das Stoßmich-Ziehdich von Dr. Doolittle? Der Kampf zwischen dem Ansichbinden und dem Vonsichstoßen wird nicht nur interpersonal, sondern auch intrapersonal ausgefochten: Man weiß selbst oft nicht sicher, was man sich von einer Beziehung erhofft, wohin man sie gerne steuern würde, worauf sie hinauslaufen wird und was die Konsequenzen einer jeden Weggabelung sind, an der man sich für eine der Optionen entscheiden muss. Geht man immer nur links, oder biegt man zwischendurch auch mal rechts ab? Biegt das Gegenüber auch links ab, wenn man selbst links abbiegt? Beziehen wir uns auf einander – oder an einander vorbei?

Benching, Ghosting und andere Bezugsverweigerungen

Denn Beziehungen leben von der Bezugnahme. Schon im Kindesalter ist uns jede Form der Aufmerksamkeit lieber als gar keine Aufmerksamkeit – Ignoranz ist schlimmer als eine negative Reaktion, denn nur Reaktionen bestätigen unsere eigene Existenz. Deshalb sind Skandale auch eine beliebte Form des Herantretens an die Öffentlichkeit: Wenn ich nichts Positives zu berichten habe, mache ich eben mit negativen Schlagzeilen auf mich aufmerksam; die Hauptsache ist, dass mich jemand sieht und meine Existenz bestätigt, dass mir Gefühle gezeigt werden und ich nicht egal bin.

Das Online-Dating hat eine Reihe eigener Begriffe und Modi hervorgebracht, die verschiedene Stufen des Nicht(mehr)beachtetwerdens kategorisieren. Langsamer Aufmerksamkeitsverlust, wiederholtes Warmhalten, plötzliche Funkstille: Jedes „gemeine“ Verhalten hat einen eigenen Namen – und auch nur die Dinge, die Menschen sich antun. Wenn sie einander guttun, hat das keinen Nachrichtenwert.

Im Grunde laufen all diese Handlungsmuster auf die Verweigerung des Bezugs auf einander in verschiedenen Stufen hinaus. Man kann jedes Mal aufs Neue damit hadern und in ein emotionales Loch stürzen, wenn es passiert. Man kann sich dafür schämen, wenn man es selbst macht. Man kann von vornherein davon ausgehen, dass es ohnehin geschehen wird, und so von vornherein jede Beziehung auf ein Fundament aus Unaufrichtigkeit stützen. Unbewusst liegt man auf der Lauer und wartet darauf, dass sich die Befürchtungen bewahrheiten. Das nimmt der Beziehungsanbahnung die Unschuld und ersetzt sie durch Vorsicht, durch Zurückhaltung, durch übermäßiges Bewerten der (Re)Aktionen der anderen Person und auch durch strategisches Handeln.

Dieses Taktieren wiederum folgt analog wie digital ganz eigenen Regeln – komplexen Regeln, die auf einem komplizierten Konstrukt aus Selbstoffenbarung und Selbstschutz aufbauen. Auch dafür gibt es tausend „Beziehungsratgeber“, die entweder fordern, man solle sich rar machen, oder man solle offen das Interesse bekunden. Beides kann funktionieren und komplett schiefgehen. Denn selbst wenn man mit einer „richtigen“ Person für die „angestrebte“ Art der Beziehung den Kontakt aufnimmt, kann es immer noch der komplett falsche Zeitpunkt sein. Wer nächsten Monat in eine andere Stadt zieht, der lässt sich wahrscheinlich nicht auf den Sommerflirt ein, der hätte interessant werden können, wenn er geblieben wäre. Freundschaften zerbrechen an räumlicher Distanz, auch wenn man sich die ewige Treue geschworen hat. „So ist das eben“, könnte man sagen – aber so ist es eben nicht immer. Denn natürlich gibt es Gegenbeispiele – die harmonische Fernbeziehung, die regelmäßigen Treffen mit weggezogenen Freunden – aber was ist die Regel, was ist die Ausnahme?

Radical Honesty und Radical Outspokenness

Gegen das Imsandeverlaufen oder die Erwartungshaltungen in Beziehungen hilft eigentlich nur eines: radikale Ehrlichkeit. Wobei ich denke, dass diese nur eine Seite der Medaille ist. Die andere könnte zum Beispiel radikale Aussprache heißen. Wenn ich radikal ehrlich sein will, kann ich auch passiv bleiben und warten, bis die Frage kommt, auf die ich ehrlich antworten will – „Liebst du mich noch?“. Wenn ich radikal ausspreche, was mir auf der Zunge brennt, bin ich aktiv und sage die Dinge, bevor sie gefragt werden – „Ich liebe dich nicht mehr.“ – manchmal kommt so etwas überraschend, manchmal hat es ohnehin schon lange in der Luft gehangen und nur darauf gewartet, dass es jemand aus dem dichten Nebel des Schweigens herausgreift.

Radical Openness

Ehrlichkeit und die Fähigkeit zur Aussprache auch unangenehmer Wahrheiten fließen in eine radikale Offenheit mit ein. Offenheit gegenüber dem „Flow“ von Beziehungen in jedweder Form; oder Offenheit gegenüber dem Stoßen und dem Ziehen einer Relation, die sich im permanenten Wandel befindet. Offenheit auch gegenüber den Grenzen, die andere Menschen für ihre Beziehungen ziehen – sie so zu akzeptieren, wie sie sind, ohne ihnen den Stempel der eigenen Vorstellungen aufzudrücken. Offenheit gegenüber den komplizierten Prozessen und den komplexen Zuständen emotionaler Verbindungen, die sich eben nicht erklären lassen und auch nicht erklären lassen wollen. Offenheit gegenüber der Erkenntnis, dass jede Beziehung, inklusive derjenigen mit sich selbst, einzigartig ist – und in höchstem Maße paradox.

Titelbild: Unsplash via pixabay.com.

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