Sex und Transzendenz

Blog_2017_02_05

Was haben Transzendenz und Transpiration gemeinsam? Nicht viel, außer dass man auf der Suche nach Erleuchtung bei diversen Formen der Meditation durchaus ins Schwitzen geraten kann. Wer sich jetzt auf die Schenkel klopft und an das Kamasutra denkt, dem sei gesagt, dass seine Überlegungen womöglich gar nicht so verkehrt sind. Wobei mich wiederum eine andere Form der Transpiration auf die Idee für diesen Artikel gebracht hat.

Heute ist mein Geist während des Trainings wieder einmal auf komplett anderen Pfaden gewandelt als mein ächzender und ackernder Körper. Das Wunderbare an sportlicher Ertüchtigung ist nämlich, dass der Leib beschäftigt ist und die Gedanken von selbstquälerischen Appellen zur Eigenmotivation („Jetzt quäl dich doch!“ – „Du musst den Bauch anspannend und die Pobacken zusammenkneifen!“ – „Komm‘ schon, nur noch ein Satz!“) auf Abwegen durchaus zu intellektuell anspruchsvolleren Themen hinübergleiten können, auch wenn mir der Schweiß aus allen Poren tritt (darum auch: Transpiration). Während ich also meinen Leib fleißig schund (definitiv schöner als „schindete“), wanderte der Geist zu Octavio Paz (seines Zeichens mexikanischer Schriftsteller und Diplomat, sowie Literaturnobelpreisträger) und seiner Essaykollektion The Double Flame (La Llama Doble, 1993). Ein Bekannter hatte mir jüngst von einem Essay aus dieser Sammlung erzählt, in dem Paz die Verbindung zwischen Sex und Erotik sowie Sprache und Poesie zieht: Sprache dient der Kommunikation, sie ist ein grundlegender Mechanismus. Ebenso grundlegend ist Sex zu Diensten der Fortpflanzung. Poesie hingegen transzendiert die Sprache, ebenso wie Erotik den reinen Fortpflanzungsakt transzendiert: Poesie ist für die Sprache (bzw. für die Kommunikation als Funktion der Sprache) nicht notwendig, aber sie verleiht der Sprache eine zusätzliche Funktion, die sich über den Inhalt der Mitteilung legt: „Die poetische Sprache ist (…) durch die Dominanz der sprachlichen Form über den Inhalt [autofunktional]“, heißt es dazu über das Kommunikationsmodell nach Roman Ossipowitsch Jakobson.

Tatsächlich entsteht die Schönheit der Kommunikation erst in der über die reine Mitteilung hinausgehende Verwendung von Sprache; ebenso wie die Ästhetik in der Erotik erst durch den bewussten Einsatz von Lockmitteln und Reizen entsteht, die auf die jeweiligen Vorlieben der Kommunikationspartner abgestimmt sind. Damit erhält die Erotik eine metasprachliche Funktion; sie fungiert als „Informations- und Vermittlungssystem“ (ebd.). Sie erinnern sich noch an das eingangs mit einem Augenzwinkern erwähnte Kamasutra? Die Erotik des Kamasutras ist nichts als eine Poesie der Sexualität (von vielen); es transzendiert den reinen Akt. Mein Bekannter hatte erwähnt, dass Paz mit der Unterscheidung zwischen Sprache und Poesie bzw. Sex und Erotik auch eine Grenze zwischen dem Pflanzen-/Tierreich und den Menschen zieht. Denn Erotik ist etwas Menschengemachtes. Meinen Einwand, dass die Balz bei Tieren oder das Pfauenfederkleid doch auch eine Form der Erotik seien, da für die Fortpflanzung nicht zwingend notwendig, widerlegte er: Das Balzverhalten sei den Tieren vorgegeben, sie könnten gar nicht anders. Die Erotik des Menschen sei im Gegensatz dazu bewusst gewählt. Dem kann ich letztendlich nur zustimmen – insbesondere dann, wenn man sich wieder in Erinnerung ruft, dass auch wir Menschen unserem biologischen Programm folgen und zuallererst „die Chemie“ stimmen muss, bevor wir die Spielarten unserer erotischen Vorlieben ausleben, um sie aufeinander einzupendeln und so ein individuell auf das Miteinander eingestimmtes Orchester unserer Erotik zu dirigieren.

Ein gar nicht so dumpf geschriebener Artikel in einem ansonsten recht flachen Frauenmagazin griff ein ähnliches Thema auf: Darin beschrieb die Autorin, wie sie bei wechselnden Partnern immer andere Facetten an sich selbst entdeckte und auslebte, die zu den jeweiligen Vorlieben des Partners passten. Am Ende folgte doch noch der Hinweis darauf, dass ja auch der Partner sich an die Verhaltensweisen der Frau anpassen würde (und das gilt natürlich für Paarkonstellationen jeglichen Geschlechts) – aber die viel wichtigere Botschaft ist eigentlich: Erotik ist nicht nur transzendierte Sexualität, sondern vielmehr ein individuelles Band, das zwischen Liebemachenden gewoben wird; und sei es nur für eine Nacht. Damit können wir den Bogen wieder zurück zur Sprache ziehen; denn auch Poesie kann erotisch sein, ein kleiner Liebesakt in gesprochenem, gehauchtem oder geschriebenem Wort. Ein Bild kann mehr sagen als tausend Worte; jedoch sind tausend Worte intimer als jedes Bild – bezogen auf interpersonales Miteinander und auf individuell formulierte Worte, wohlgemerkt. Worte stimulieren nicht nur visuell, sondern auch intellektuell und emotional; sie berühren den Bauch, den Kopf und das Herz.

Bei einer kurzen Verschnaufpause an dieser Stelle fiel mir auf, dass ich all das geschrieben und noch kein einziges Wort von Paz gelesen hatte – wenn also das bislang Entworfene Paz falsch auslegt, möge man es mir verzeihen. Leider gibt es kein E-Book von The Double Flame, so dass ich mich mit ein paar Partien aus der Blick ins Buch-Funktion von Amazon begnügen muss. Immerhin erlaubt Amazon einen Blick in das Preface und in Auszüge einiger Essays.

Im Preface beschreibt Paz, wie er 1960 in einem Text über Sade „the boundaries between animal sexuality, human eroticism, and the more restricted domain of love“ nachverfolgen wollte. 1965 dann verliebt er sich und fasst den Entschluss, ein Buch über die Liebe zu schreiben: „Taking as its point of departure the intimate connections between the three domains – sex, eroticism, and love – it would be an exploration of the amatory feeling.“ Doch andere Aufgaben nehmen Paz zunächst in Beschlag, bis er endlich wieder zu der Idee eines Buches über die Liebe zurückkehrt. Er ist unsicher, ob Liebe als Sujet geeignet ist – und nach wochenlangen Zweifeln produziert er nicht nur den geplanten „essay of about a hundred pages“, sondern ein ganzes Buch, The Double Flame. Der Titel ist eine Referenz auf die Definition des spanischen Wortes für Flamme (la llama): „the flame is ‚the most subtle part of the fire, moving upward and raising itself above in the shape of a pyramid.‘ The original, primordial fire, sexuality, raises the red flame of eroticism, and this in turn raises and feeds another flame, tremulous and blue: the flame of love. Eroticism and love: the double flame of life.“

Ich kann an dieser Stelle nicht sagen, ob Paz den Dreiklang aus Sex, Erotik und Liebe auch auf Sprache und Poesie bezieht und sie um einen Dritten im Bunde erweitert. Spontan muss ich an Theodor W. Adornos Essay über Punctuation Marks denken (hier als PDF und hier ein Artikel dazu auf Brain Pickings). Adorno gibt Satzzeichen darin ein eigenes Leben, das ihre reine Funktion als Wort- und Satztrenner transzendiert: „An exclamation point looks like an index finger raised in warning, a question mark looks like a flashing light or the blink of an eye. (…) [They serve] an interplay that takes place in the interior of language, along its own pathways. Hence it is superfluous to tomit them as being superfluous: then they simply hide (…) – friendly spirits whose bodiless presence nourishes the body of language.“ Ich habe dazu an anderer Stelle einen Artikel verfasst, doch auch hier scheint mir Adornos Ansatz geeignet, um über der Flamme der Sprache und der Flamme der Poesie die dritte Flamme zu zünden: die Flamme der Erzählung. Sie vereint wiederum die Sprache (in ihrer informationellen Funktion) und die Poesie (in ihrer emotionalen Funktion) zu einem Gesamttext (in Prosa oder Lyrik); oder zu einer Beziehung, wie sie auch der Dreiklang aus Sex, Erotik und Liebe letztendlich generiert. Zu einer Erzählung gehören die Worte (die der Sprache entspringen und in der Poesie transzendieren) ebenso wie die Satzzeichen und die Leere zwischen den Zeilen, in der noch so viel mehr gesagt wird als die reinen Worte ausdrücken können.

Im Essay A Solar System zieht Paz ein Resümee („a recapitulation, a critique, and a hypothesis“); und wieder kann ich nur Bezug auf die Partien nehmen, die Amazons Blick ins Buch mir freundlicherweise zeigt. Paz schreibt: „I found that even though certain characteristics of our image of love have disappeared and others changed, some have resisted the erosion and mutation of the centuries. They can be reduced to five and make up what I have made so bold as to call the basic elements.“ Sie alle zu benennen ist via Blick ins Buch leider nicht möglich, aber hier kann man sie zum Beispiel nachlesen. Auch Paz‘ Ansatz über das spannende Verhältnis von Liebe und Kapitalismus (ich fühle mich an Zygmunt Baumans Konsumgesellschaft und den Konsumismus erinnert) kann ich nur ansatzweise erahnen: „Modernity desacralized the body, and advertising has used it as a marketing tool. Each day television presents us with beautiful half-naked bodies to peddle a brand of beer (…) Capitalism has turned Eros into an employee of Mammon.“ Anders gesagt: Erotik ist kommodifiziert und hat durch die Bewertung und die Wertmessung des Körpers als grundlegendes Instrument der Erotik ebendiese entmystifiziert und ihrer aufregenden Transzendenz ein Preisschild aufgedrückt. Die objektive, entindividualisierte Erotik ist umso wertvoller, je mehr sie den kapitalistisch vorgegebenen Kriterien entspricht.

Kann dasselbe auch über die Poesie gesagt werden? Ich denke schon. Wie viele Texte werden heute rein nach marktrelevanten Kriterien produziert, wie wenige sind wirklich noch erotisch, weil sie die individuelle Stimme des Autors an seine Leser herantragen? In absoluten Zahlen sind es immer noch viele – die der früheren und der gegenwärtigen Autoren – doch relativ gesehen nimmt ihre Zahl rapide ab, weil der Markt mit anderen Texten gefüttert werden will.

Auf einen Absatz über die Liebe will ich jedoch trotz dieses kapitalismuskritischen Schlenkers noch eingehen. Das wichtigste grundlegende Element der Liebe ist nach Paz die gegenseitige Exklusivität – im Gegensatz zur sozial vorkommenden Erotik ist die Liebe gänzlich individuell, beziehungsweise: interpersonal. Zwar hatte ich vorhin schon etwas von einer individuellen Erotik geschrieben, doch ich bin ebenfalls der Meinung, dass Erotik ein soziales Phänomen ist, das in allerlei unterschiedlichen Kontexten aufblitzt; mal offensichtlich, mal subtil. Liebe jedoch ist ein Band, das zwischen den (zwei oder mehr) Liebenden nicht nur für den Moment, sondern dauerhaft gewoben wird und eben auf reziproker Exklusivität besteht – und auf einer Art Transzendierung (wenngleich er den Begriff nicht nennt): „True love consists precisely of the transformation of the appetite for possession into surrender. This is why love seeks reciprocity and hence radically departs from the old relationship of dominance and servitude. The exclusivity of love is the foundation of all the other elements, the focal point around which the others revolve.“ Paz betont, dass alle Elemente der Liebe mit einander verwoben sind, dass keines ohne die anderen existieren kann. Exklusivität jedoch scheint ihm das mysteriöseste Element dieser fünf: „Why do we love this person and not another? (…) The exclusivity of love is a facet of another great mystery: the human person.“ Mit der Exklusivität kommt allerdings auch die Frage nach einer Definition von Freiheit in einer Beziehung, die Paz entlang einer Linie beschreibt: „Many gradations and nuances lie between exclusivity and promiscuity“; und Untreue ist das ‚täglich Brot‘ der Paare, womit der Beginn der Untreue Aushandlungssache wird.

Diese Worte hätten auch ohne den Hinweis auf die eingangs erwähnte Transpiration erzählt werden können. Doch weil dieser Text meine Erzählung ist und weil für mich Geist, Seele und Körper zusammengehören, schicke ich den schwitzenden Leib noch einmal für einen Gastauftritt auf die Bühne. Wenn wir die reine Bewegung zum Erhalt der körperlichen Gesundheit (oder wenn man um sein Leben rennen muss) analog zur Sprache und zum Sex betrachten, gesellt sich dazu eine zweite Flamme: die der Choreografie. Choreografie meint die bewusste Bewegung, etwa den Flèche beim Fechten, das Seilspringen oder der Rhythmus der Schritte im Tanz. Die Choreografie kann Technik sein, Mobilität, Kondition, Stil, Ästhetik oder sogar Philosophie, wenn beim Parkours die Mauer zur überwindbaren Station wird, nicht zum unbesiegbaren Hindernis. Zündet man nun die dritte Flamme zu Bewegung und Choreografie, so können wir sie Sport nennen. Die Bewegung und die Choreografie werden mit dem ausführenden Körper zum Teil einer ritualisierten Form der Kommunikation; auf dem Fußballfeld, beim Erklimmen eines Berges oder eben im Fitnessstudio. Was ergibt sich im nächsten Schritt, wenn wir diesen Sport auf die nächste Ebene heben, die bei Sprache dem Gesamttext entsprechen könnte und laut Paz bei Sex der Beziehung entspricht? Ein Begriff drängt sich mir auf: die Kulturtechnik. Wenngleich die grundlegende Definition besagt, dass Kulturtechniken „kulturelle und technische Konzepte zur Bewältigung von Problemen in unterschiedlichen Lebenssituationen“ sind (siehe hier), werden selbst dort Beispiele wie Kunst, Musik, Theater und Tanz aufgegriffen, die in der heutigen Zeit eher wenig problemlöserische Qualität besitzen. Ein NZZ-Artikel mit dem Titel „Lust und Last der Arbeit am Körper. Schönsein als Kulturtechnik“ schlägt die Brücke zwischen dem Sport und der Problemlösung: Mein Körper ist das Problem, ich treibe Sport, um es zu lösen. Ein Interview zum Thema Hochschulsport aus dem Jahr 2013 trägt sogar die Überschrift: „Bewegung muss zu einer Kulturtechnik werden“; scheinbar ist der Gang meiner Gedanken schon einmal beschritten worden.

Doch weg vom Sport und ein weiteres Mal zurück zur Sprache; denn zwei Gedanken zu Exklusivität und Untreue müssen noch zu Ende gedacht werden.

Ich hatte vorhin geschrieben, dass die Flammen Sprache und Poesie meiner Meinung nach die Erzählung als dritte Flamme befeuern und im Gesamttext münden, so wie bei Paz Sex und Erotik für die Liebe brennen und in der Beziehung kumulieren. Was also ist die Exklusivität in der Erzählung, die analog zur Liebe ein permanentes Band zwischen zwei Kommunikationspartnern webt? Wenn ich als Autorin dieses Band zu meiner Erzählung webe, dann bin ich ebenfalls ein Teil des Gesamttextes. Das wiederum unterscheidet die Poesie von der reinen Sprache: Es spielt für die Wirkung des Textes in der Gesellschaft keine Rolle, wer einen Werbeslogan oder eine technische Anleitung geschrieben hat. Die Poesie entfaltet jedoch ihre Wirkmacht auch deshalb, weil sie einen Autor hat, der zwischen den Zeilen wohnt und der Erzählung den Funken verleiht, der sie zum Gesamttext werden lässt. Denn es spielt eine Rolle, wer ich bin, wenn ich schreibe, weil ich mich selbst ebenfalls in meine Erzählung einschreibe. Ich bin mit meiner Erzählung verwoben; ich kann mein Geschriebenes lieben, hassen; es kann mir Jahre später peinlich sein oder mich stolz machen. Auch wenn der Leser mich nicht kennt, ich kenne das intime Band zwischen mir und meinem Text, das auch de facto wichtiger sein dürfen sollte als die Wirkung meines Textes auf einen Markt, für dessen Eroberung ich keine Erzählung, sondern eine gewinnorientierte Strategie benötige. Die Beziehung zwischen mir und meinem Text beruht auf ebendieser Exklusivität, von der Paz so staunend erzählt.

Und die Untreue? Wenn ich als Autorin meine eigene Stimme nicht mehr höre und von der Poetin zur Sprachproduzentin, mir selbst also untreu werde, im Kleinen wie im Großen. Natürlich hätte dieser Text kürzer sein müssen, prägnanter, mit fett gedruckten Worten und hervorgehobenen Zitaten, damit er auch beim schnellen Überfliegen rezipiert werden kann und die Chance größer ist, dass er gelesen oder sogar geteilt wird. Aber ist mir das wichtig? Nein. Mir ist die Poesie wichtig, mein eigenes erotisches Mittel der Kommunikation; und das sage ich mit einem Augenzwinkern angesichts des Eyecatchers in meiner Überschrift. Deshalb noch zum Schluss noch einmal der recours auf das Thema Sprache und ein letztes Zitat aus dem Preface zu The Double Flame, das ich doppelt unterstreichen kann:

„To me, poetry and thought are a system of communicating vessels. The source of both is my life. I write about what I have lived and am living. To live is also to think, and sometimes to cross that border beyond which feeling and thinking become one: poetry.“

Diesen Text habe ich auch auf Medium.com veröffentlicht.

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