„Und das Internet feiert.“

Blog_2017_02_03

Was haben repräsentative Umfragen und Onlinemedien gemeinsam? Sie ziehen Rückschlüsse von einer kleinen Anzahl Befragter oder Postender auf eine weitaus größere Anzahl, zum Beispiel auf die Bevölkerung eines Staates („50% der Deutschen…“) oder auf „das Internet“ bzw. „das Social Web“ – jüngste Beispiele dazu sind das Hashtag #SchulzFacts (#SchulzFacts: Wie das Social Web mit fiktiven Heldentaten den Hype um Martin Schulz ironisiert – die sprechende URL zum Link ist sogar noch schlimmer: #SchulzFacts: So lacht das Netz über die fiktiven Heldentaten des SPD-Kanzlerkandidaten) und das Instagram-Foto von Beyoncé Knowles mit Schwangerschaftsbauch. Beide Phänomene sind nicht nur ärgerlich oder irreführend, sondern brandgefährlich.

Ärgerlich oder irreführend ist daran, dass derartige Aussagen auf Basis von repräsentativen Umfragen oder auf Basis von einzelnen Posts (Überraschung: die Anzahl der Tweets mit #SchulzFacts auf Twitter ist ziemlich überschaubar, ebenso die Posts auf der namensverwandten Facebook-Seite) zu Wellen der Empörung und Gegenreden führen können. Wenn nur 1.000 von über 80 Millionen zu Thema X befragt werden, ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass sich Lesende in keinem der möglichen Antwortsegmente wiederfinden. Aufgrund der hochkomplexen gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit und der sich stetig weiter ausdifferenzierenden Individualisierung der Bewohnerschaft dieser Lebenswelt ist es schlichtweg naiv, davon auszugehen, dass 1.000 Befragte wirklich gültige Aussagen für die Gesamtgesellschaft treffen können. Wird nun der Leserschaft das Ergebnis einer solchen repräsentativen Umfrage präsentiert, reagiert ein kleiner Teil darauf mit Widerspruch – und derartige Gegenreden („Hasskommentare“) können wirklich hässlich sein.

Mit allen Überschriften oder Teasern, die verallgemeinernd über „das Internet“, „das Netz“, „das Social Web“ sprechen, schießt sich die schreibende Zunft ebenfalls nur selbst ins Knie. Jedes Meme, jeder auch nur ansatzweise ein kleines bisschen „viral gehende“ Post wird dadurch zum Hype hochstilisiert, so dass Erregungsspitzen einander in unablässiger Folge abwechseln und die Sensationslust der Leserschaft künstlich erzeugt wird. Warum ist es nicht okay, dass es eine Handvoll gute #SchulzFacts gibt, die ein paarmal geteilt wurden und ein bis zwei Tage lang für Erheiterung sorgen? Warum muss es gleich heißen, dass die gesamte Internetuserschaft daran teilhat? Wer bei diesem oder ähnlich gearteten, künstlichen Hypes selbst „im Netz“ nachsieht, erkennt schnell, dass diese medial erzeugte Riesenwelle nur ein kleiner Furz im großen Ozean der Internetkommunikation ist. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert und zumindest die informierten, emanzipierten Internetnutzer werden künftig bei solchen Überschriften nur noch müde mit den Augen rollen und gar nicht erst draufklicken. Dabei sind es aber gerade diese Internetnutzer, die eure Nachrichten, liebe Onlinemedien, als Opinion Leader oder Influencer an ihre weniger internetaffine Gefolgschaft weiterleiten sollen (Stichwort: Reichweitengenerierung). Wenn aber alles Sensation ist, ist nichts mehr wirklich sensationell.

Brandgefährlich sind die Internet-Memes zwar nicht. Aber wenn „das Netz“ sich euch zufolge, liebe Onlinemedien, über <Namen eines populistischen oder demokratisch fragwürdigen Politikmachenden bitte hier einfügen> lustig macht, obwohl es sich de facto nur ein Einzelphänomen auf irgendeinem Twitter-Kanal handelt, dann kann eure Sensationsgier zur Gefährdung ausarten. Bedenkt doch, dass „das Netz“ zum Großteil aus stumm Lesenden besteht, die höchstens einmal auf der Website eines Nachrichtenmediums ihres Vertrauens einen Post hinterlassen, aber kaum Memes generieren oder im Internet wegen Posts in sozialen Medien „abfeiern“. Ihr habt Scheuklappen aus Stahl auf, wenn ihr davon ausgeht, dass ihr mit derartigen Aussagen (ich wiederhole: „das Netz feiert“ o.Ä.) wirklich im Namen einer virtuellen Mehrheit oder gar Allgemeinheit sprecht. Nochmal geordnet:

Memes oder ähnliche Kurzzeitphänomene „im Netz“ sind größtenteils Eintagsfliegen, die von einigen wenigen Usern generiert und verbreitet werden. Sie sind Aufmerksamkeit wert, aber keine Hypes oder Sensationen.

Die Mehrheit der Internetuser liest stumm mit, partizipiert marginal an den zugänglicheren Formen der sozialen Medien (z.B. Facebook) oder äußert sich via Kommentarfunktion auf etablierten Medienwebsites, trägt aber keine Memes oder ähnliche Kurzzeitphänomene weiter. Diese werden lediglich von der Spitze der Internetuser-Pyramide generiert, die nicht stellvertretend für „das Netz“ oder „die sozialen Medien“ stehen.

Emanzipierte Internetnutzer bzw. Opinion Leaders werden durch die ewige Sensationslust entfremdet und meiden entsprechende Quellen, tragen somit nicht mehr zur Reichweitenvergrößerung bei. Weniger informierte Internetnutzer (keinesfalls wertend gemeint, nicht jeder ist ein internetsüchtiger Digital Native) reiten auf jeder Hype-Welle mit und nehmen die Sensationen für bare Münze.

Kurzfristig gesehen ist das sicherlich ein Reingewinn in Reichweite, mittel- und langfristig gesehen führt die Reizüberflutung entweder zum Abwenden bzw. Abstumpfen oder zu einer brandgefährlichen Verfolgungsjagd: immer mehr Sensationen in immer kürzeren Abständen und immer drastischer formuliert. Das liest sich wie die Regenbogenpresse auf Steroiden und kann nur nach hinten losgehen. Je mehr und heftiger zum Beispiel gegen Donald Trump medial gehetzt wird (Reichweite! Klickzahlen! Userreaktionen!), desto mehr kocht auch die Grundstimmung auf – und für die anstehenden Wahlen sind die überhitzten Gemüter genau das, was wir nicht brauchen und wollen.

Wir brauchen und wollen sachliche – „neutrale“ – Berichterstattung. Mit „neutral“ muss heute im Übrigen nicht politisch neutral gemeint sein, sondern wirtschaftlich neutral. Wir brauchen Medien, die nicht ihre Reichweite, Klickzahlen und Userreaktionen als virtuelle Währungen an die erste Stelle rücken, sondern Medien, die ihre Verantwortung der sachlichen Informationsverbreitung wieder ernst nehmen und entsprechend über kurzfristigen wirtschaftlichen Reingewinnen priorisieren. Die politische Neigung eines Mediums lässt ist auch für Internetlaien schnell erkennbar – die wirtschaftlichen Interessen und Mechanismen sind für viele Laien-Internetnutzer (also: „das Netz“) allerdings größtenteils opak. Es hilft auch nicht, dass unabhängige und im Verhältnis eher „kleine Medien“ sich diese Mission auf die Fahne geschrieben haben (und an vielen Stellen auch vorbildlich umsetzen!). Es muss ein Umdenken bei den „großen Medien“ stattfinden, die ihre Berichterstattung vollends unter dem Diktat des wirtschaftlichen Eigennutzes versklavt haben (n.b.: damit sind nicht alle „großen Medien“ gemeint, aber viele derjenigen, die einen Großteil der Nutzer anziehen).

Wir als informierte und emanzipierte Internetnutzer können aber wenigstens ein bisschen dazu beitragen: nicht auf die sensationsversprechenden Links klicken.

Foto: Unsplash.com. Diesen Beitrag habe ich auch auf Medium veröffentlicht.

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