Außeralltägliche Alltagsausnahmezustände

Blog_2017_01_15

Es gibt wohl Ereignisse im Leben, die einem einfach einmal passieren müssen. Ob man ihr Eintreten nun statistisch belegen möchte, sie aufs Karma schiebt oder schlichtweg als Murphy’s Law abtut, ist wohl Geschmackssache. Oder alle drei, die einem mit vereinten Kräften den Tag schwer machen möchten. Überraschen würde es mich nicht, schockieren, schon gleich dreimal nicht. Vielmehr überrascht-schockiert mich, dass ich eigentlich über zwei außeralltägliche Ereignisse schreiben wollte, mir aber während des Schreibens schon wieder so viele mehr einfallen, dass sich mein Leben streckenweise wie eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände anfühlt. Oder miserabler Missgeschicke. Fulminante Fehlverhaltensleistungen. Skurrile Schicksalsschläge. Nein, so schlimm ist es nicht. Es ist sogar nichts davon wirklich schlimm, retrospektiv betrachtet eher amüsant. Anekdoten, die man beiläufig bei Gesprächen einstreut, um das Gegenüber wieder einzufangen, nachdem man einen minutenlangen Monolog über irgendein irrwitziges, wenig gesellschaftsfähiges Thema gesprochen hat. Schon ist die Liste wieder länger geworden. Vielleicht nenne ich den Post im Geiste auch einfach Teil 1, denn tief in meinen Gehirnwindungen gibt es bestimmt noch mehr Ereignisse von dieser Sorte.

Regelmäßige Unzulänglichkeiten

Machen wir einen kleinen Abstecher zu den momentan beharrlich wiederkehrenden und vermeidbaren Fehlverhaltensmustern. Eigentlich sind sie nicht der Erwähnung wert, aber ich setze darauf, dass allein die Niederschrift dafür sorgen wird, dass mein Gehirn künftig darauf programmiert ist, ebendiese kleinen Aussetzer nicht mehr zu produzieren. Neuer Code fürs Gehirn, ein kleines Update, ein Bugfix, verpackt in eine Story (Agile lässt grüßen). Außerdem vermute ich, dass sich der oder die geneigte Lesende hier wiederfindet und das eigene Gehirn entsprechend updaten kann. Also: Handtuch oder Wasserflasche für das Fitnessstudio vergessen. Zu viel Salz, Knoblauch oder Chili in die Gemüsepfanne gestreut (kann man bei diesen Mengen noch gestreut sagen oder muss man auf geschüttet ausweichen?). Erfahrungsgemäß ist zu viel Salz die unangenehmste Variante für einen selbst (unbändiger Durst gepaart mit Magenschmerzen) und zu viel Knoblauch die unangenehmste Variante für die anderen (man riecht den Knoblauch am Tag danach nicht mehr, aber das Umfeld sehr wohl). Vermeidbar sind diese insofern, als man die Sporttasche idealerweise am Abend zuvor packt anstatt am Morgen im Halbschlaf; und das Gemüse nach Rezept würzt anstatt nach Gefühl. Okay, Update durchgeführt. Reboot. Jetzt zu den echten Schockern.

Herdplatte angelassen

Der Auslöser für diesen Beitrag und eigentlich die einzige Begebenheit, über die ich philosophieren wollte. Denn exakt dies ist mir heute zum ersten Mal passiert. Morgens Gemüse gekocht (zu viel Chili), bei niedriger Temperatur noch ein wenig köcheln lassen und dann den Kopf so voller Gedanken, dass beim Verlassen der Wohnung (in Richtung Fitnessstudio; mit Handtuch und Wasserflasche, dafür ohne frische Hose für den Heimweg nach dem Training…) der Automatismus Kaffeetasse-in-die-Küche-Herdplatte-ausschalten nicht getriggert wurde. Das allen wohl bekannte, nagende Gefühl, etwas vergessen zu haben. Eine Stunde später geht ein Licht auf. Abwägung: riskieren und weitertrainieren oder nach Hause eilen und ausschalten? Google befragt. Horrorstorys von abgebrannten Häusern gelesen. Im Sportoutfit nach Hause gerannt, ausgeschaltet, zurückgerannt. Das ist insofern besonders anekdotisch, als ich eine Stunde zuvor noch mit E. vor dem Fitnessstudio darüber gesprochen hatte, dass ich bei Schnee nie draußen laufe, weil mir die Ausrutsch-und-Hinfall-Gefahr zu groß ist. Immerhin weiß ich nach dieser Episode nun, dass ich für das Draußenlaufen motorisch gesehen qualifiziert bin. Das Gemüse hat übrigens interessanterweise keinen großen Schaden genommen und war noch recht lecker.

Schlüssel vergessen

Man sollte es seinem Gehirn mit gewissen wiederkehrenden Dingen einfach machen, damit es dafür keine Ressourcen aufbringen muss und sich stattdessen auf die großen Themen konzentrieren kann (s.o.: minutenlange Monologe über irgendwelche irrwitzigen, wenig gesellschaftsfähigen Themen…). Zu diesen wiederkehrenden Dingen gehört: den Schlüssel mitnehmen, wenn man die Wohnung verlässt. Mein Schlüssel steckt aus diesem Grund immer von innen im Schloss (ich sage deshalb von innen, weil ich ihn tatsächlich einmal habe draußen stecken lassen) und verfügt über ein auffälliges Lederhosen-Schlüsselband, damit ich sein Volumen in jedweder Jacken- oder Handtasche auch immer spüre (und ihn im Idealfall auch schnell wiederfinde). Im Alltagstrott funktioniert dieser bezaubernde Automatismus. Allerdings herrschte letztes Jahr einmal ein interessanter Ausnahmezustand, weil ich zusammen mit M. an einem höchst streng geheimen Interview cum Experiment von einer höchst bekannten Internetfirma teilnehmen durfte. So saßen dann fünf (oder sechs? Sie waren so… unauffällig) Researcher, M. und ich in meinem Wohn-/Arbeitszimmer und wir ließen uns befragen und beobachten. Als die Truppe abgezogen war, mussten M. und ich dringend einen Kaffee trinken, da zumindest mein Gehirn all diese neuen Eindrücke erst einmal in Ruhe verarbeiten musste (vielleicht wäre ein Baldriantee sinnvoller gewesen). Mein Gehirn vollzog also akrobatische Verrenkungen und ich vergaß, den Schlüssel mitzunehmen, sperrte M. und mich damit erfolgreich aus. Glücklicherweise ist der Schlüsseldienst direkt gegenüber und kam, sprühte die Tür ein und öffnete sie mit einem kartenähnlichen Gegenstand, wobei er uns einen Vortrag darüber hielt, dass das Austauschen von Schlössern in solchen Fällen (glücklicherweise) nicht notwendig ist und die per Hotline erreichbaren Schlüsseldienste einem das Austauschen des Schlosses nur aufdrängen, weil sie damit mehr Geld machen können. Wer das noch nicht wusste, geht hat nun nach der Lektüre immerhin etwas gelernt. Falls das Gehirn nun Purzelbäume schlägt, bitte sicherstellen, dass der Schlüssel in Reichweite liegt und nicht vergessen wird.

Kreditkarte geknackt

Anfang 2016, eine Nacht Berlin. In einem netten Hostel übernachtet, das allerdings in einer nicht ganz so netten Gegend lag. Per Kreditkarte die Rechnung beglichen und zwei Tage später Abbuchungen im Wert von 700 Euro aus Saudi-Arabien entdeckt. Karte gesperrt, Geld wiederbekommen, bei neuer Karte alle Länder außer Deutschland für Umsätze gesperrt. Lektion gelernt. Dann auf Mallorca im selben Jahr ein paar Monate später geflucht, als ich kein Geld abheben konnte. Diese Lektion dann auch gelernt.

Laptop zerstört

Als Kind der Generation, die sich noch von den analogen Werkzeugen verabschieden konnte und auf die digitalen Tools umgestiegen ist… (es gab einmal eine Facebook-Gruppe, deren Name so oder ähnlich lautete: I’ve lived in three decades and I’m only in my twenties… Okay, ich werde nie wieder den Begriff twenties googlen, das ergibt zu viel Emo-Grundrauschen). Stopp, neuer Satz. Da ich also zu derjenigen (glücklichen?) Alterskohorte gehöre, die von Kassettenrekorder (ich habe als Teenager Hiphop-Mixtapes von meinem Brieffreund geschickt bekommen!) über CDs (für Schallplatten bin ich zu spät geboren worden) über Audiogalaxy Satellite bis Spotify den gesamten Wandel mitgemacht hat, musste man sich an den Gedanken gewöhnen, dass Daten eine ganze eigene und neue Materialität besitzen, die sich im Download und im Speichern auf der Festplatte manifestiert. Daten waren zur Jahrtausendwende fragile Gebilde, vergänglich trotzdem man sie besaß und weitaus weniger dauerhaft bzw. auch in der Realität weniger präsent als etwa ein Buch oder eine Kassette. Daten sind auch heute noch vergänglicher als Bücher oder Kassetten, aber die Möglichkeiten sie zu sichern sind ungleich vielzähliger und statt Dateien zu besitzen, streamt man sie heute eher (adieu, Filme- und MP3-Sammlung; hallo Amazon Prime und Spotify). Wie dem auch sei. Ich sehe mich viele Stunden vor klobigen Rechnern mit Röhrenbildschirmen (oder den ersten 17“-Flatscreens) sitzen und Dateien auf CDs (säuberlich abgeheftet) oder externen Festplatten sichern. Und immer die Angst, dass genau in dem Moment, in dem ich meine Fotos sichere, alles kaputt geht. Heute besitze ich zwar noch mehr Daten als damals, bin aber weitaus pragmatischer mit ihnen und stopfe sie allesamt in die Cloud. Auch keine perfekte Lösung, aber machbarer für mich. Allerdings natürlich nur dann, wenn auch eine Internetverbindung besteht, die Daten mit der Cloud synchronisiert. Ende 2014 war das nicht der Fall, als mir mein treuer Gefährte namens Asus Eee PC (10,1“) unterwegs (ohne Internet) herunterfiel und sich partout geweigert hat, den Dienst wieder aufzunehmen. Leichtes Schütteln bestätigte dann einen Hardwaredefekt. Zwar war nur ein Vormittag Arbeit verloren gegangen, aber trotzdem ein finsterer Moment. Zumal sich der Nachfolge-Eee als Fehlkauf erwies; Touchscreen und Netbook (verwendet das Wort heute noch jemand?) passen de facto nicht zusammen. Das erinnert mich daran, dass ich an dieser Stelle den Post zwischenspeichern sollte.

Geldbeutel verloren

Ich danke den zuständigen Statistiken, Karmapunkten und Murphy’s Law-Stellen, dass mir dieses Malheur passiert ist, als ich harmlose 16 oder 17 Jahre alt war und mein Portemonnaie noch nicht so viele (für mich damals) essenziell wichtige Dokumente und Karten enthielt. Von der Treuekarte für meinen Lieblingsladen einmal abgesehen. Trotzdem erinnere ich mich gerne an diesen Urlaub in Holland mit der Familie in einem großen Konferenzhotel im Nirgendwo, aber nicht allzu weit von Amsterdam. Das Hotel hatte eine Bar mit Billardtischen und einen netten Iren, mit dem ich an einem Abend… Billard gespielt habe. Da ich zu diesem Zeitpunkt chronisch an Geldnot litt (mein Taschengeld und der Zuverdienst durch Nachhilfe und Babysitting gingen immer für Internetzeit drauf, da wir noch keine Flatrate hatten), war ich unendlich stolz darauf, ca. 150 oder 200 Euro angespart zu haben, um mir irgendetwas Tolles in Holland zu kaufen. Wahrscheinlich war mein Geldbeutel aufgrund der ungewohnten Geldmenge dermaßen prall gefüllt, dass er mir aus der Hosentasche rutschte, als die versammelte Familie abends in einer Sitzgruppe irgendwo in den weiten Hallen dieses riesengroßen Hotels saß und irgendetwas trank. Ich vermute, dass ich seitdem auch Handtaschen trage und auf Portemonnaies im Großformat umgestiegen bin, die gar nicht erst in Hosentaschen passen, aus denen sie herausfallen könnten. Zumal die Hosen in meinem Schrank ohnehin so eng geschnitten sind,dass eigentlich nichts in die Taschen passt, wenn sie denn überhaupt welche haben.

Und sonst?

Nach langem Überlegen habe ich beschlossen, die mir aktuell letzte einfallende Episode, eine zum Thema Einreisebestimmungen und -Dokumente, hier nicht aufzugreifen. Erstens ist der Post ohnehin schon wieder länger, als er sein sollte (geplant war ein Viertel dieses Monsters) und zweitens weiß man ja nie, welcher Algorithmus mitliest. Nicht, dass jemand das Geschriebene noch für bare Münze nimmt.

In diesem Sinne werde ich jetzt meine Sporttasche für morgen packen, die Gemüsegewürzmischung zubereiten, die Herdplatte morgen früh um 6:02 anschalten und um 6:45 ausschalten, meinem Schlüssel in der Tür gute Nacht wünschen, meinen Laptop nicht von der Stelle bewegen, die Kreditkarte in meinem übergroßen Geldbeutel ruhen lassen und mein Gehirn dafür loben, dass es heute noch rechtzeitig an die Herdplatte gedacht hat, bevor meine Wohnung abgefackelt ist.

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