Haltet die Klappe! … Liebe Single-Frauen 29+

2016-10-08-medium

Vorab sei gesagt: Ich gehöre selbst zu dieser Spezies. Deshalb habe ich mir die Freiheit genommen, meinen Kolleginnen in der Überschrift unwirsch über den Mund zu fahren.

Der Grund für meinen Beitrag ist eine gefühlte Häufung von Artikeln, die von Single-Frauen 29+ auf diversen Portalen für Frauen veröffentlicht werden. Der konkrete Anlass ist dieser Post auf der Website Edition F — die ich für ihre journalistische Arbeit sehr schätze, allerdings ist wie überall auch hier nicht immer alles gut. Besagter Anlass trägt den Titel:

Keine Lust auf Kinder und Bausparvertrag — warum ich mich gerade wie ein Alien fühle

Das Narrativ dieses oder ähnlicher Artikel ist schnell erzählt: Eine Single-Frau 29+ setzt sich in Relation zu Freunden, Kollegen, Bekannten, Verwandten, die — anders als sie — Familien gründen. Die Vorzüge des Single-Daseins werden gegen die Einschränkungen des „Wir“ abgewogen; die Vorteile des Familienlebens (oder des Lebens in einer Beziehung) werden mit den Nachteilen (gerne in Form von emotionalen Tiefpunkten) einer Existenz ohne Anhang verglichen. Bis hierhin besteht kein Grund zur Beschwerde; denn sowohl Singles als auch Vergebene ertappen sich wohl häufig dabei, auf die andere Seite zu schielen, um zu prüfen, ob das Gras dort wirklich grüner ist. Solche Überlegungen legitimieren dann wiederum die eigene Entscheidung für die eine oder die andere Lebensform — oder setzen einen Impuls dafür, das eigene Leben zu ändern, wenn der Leidensdruck übermäßig groß wird. Am Ende versöhnen die Autorinnen solcher Stücke üblicherweise wieder beide Seiten, indem sie feststellen, dass sowohl das eine als auch das andere lebenswert ist und dass jede nach ihrer Fasson das (Nicht-)Beziehungsmodell ihrer Wahl wählen darf; oder sich daraus befreien wollen darf.

Ein erster genereller Kritikpunkt an dieser Stelle wäre, dass das Muster sich auserzählt hat und dass jeder weitere Artikel dazu nichts Neues mehr beiträgt. Dieser lässt sich dadurch relativieren, dass natürlich nicht jede immer schon alle solchen Narrative gelesen hat und dass es für Heranwachsende durchaus sinnvoll ist, sich mit Erzählungen zu verschiedenen Lebensmodellen abseits der Zwei-Kind-Familie auseinanderzusetzen.

Der zweite Kritikpunkt ist vielmehr eine Frage: Warum schreiben so viele Frauen über das Singledasein 29+, aber so wenige Männer? Oder besuche ich einfach die falschen Seiten und filtere dadurch die Zigtausenden ähnlich gearteten Männerbeiträge? Ich hoffe, dass dem nicht so ist, sondern dass es sie vielmehr wirklich nicht gibt. Denn ich finde es zauberhaft, dass der Mann 29+ ein Mysterium ist und bleibt. Ich will nichts von den Leiden des jungen Digitalnomaden wissen, der Single ist und sich fragt, wann und woran er die Richtige erkennt. Umgekehrt kann ich mir nicht vorstellen, dass Männer die Entmystifizierung der Frau 29+ attraktiv finden. Möchte das andere Geschlecht wirklich wissen, dass Frauen auch nur ganz normale Menschen sind, die Sonntage in Jogginghosen vor ihrem Laptop verbringen? Wäre ich ein Mann, ich würde sagen: Nein! Das ist eindeutig too much information.

Der dritte Kritikpunkt verbindet eins und zwei: Die Frauenbilder, die in diesen Beiträgen gezeichnet werden, sind alles andere als schmeichelhaft, respektive stark oder gar ‚feministisch‘. Sätze wie dieser hinterlassen einen faden Nachgeschmack:

„Ich verschicke mit Ende 20 stolze Nachrichten an meinen kompletten Freundeskreis, wenn ich eine klumpfreie Bechamel-Soße [sic.] hinbekommen habe. Was ein Bausparvertrag so genau beinhaltet, habe ich ehrlich gesagt bis heute noch nicht so richtig verstanden.“

In Sätzen wie diesen wird die Persona einer Frau kreiert, die ihre Lebensfähigkeit als alleinstehende Einzelperson infrage stellt. Die einen Mann bzw. eine Familie als Anlass braucht, um sich über grundlegende Finanzdinge zu informieren. Der Bausparvertrag steht hier nur stellvertretend für die finanziellen Angelegenheiten, die in traditionellen Familien durch den Mann als Ernährer übernommen werden: Altersvorsorge, Investitionen in gemeinsamen Wohnraum, Steuererklärungen, Kapitalanlagen… Die Frau 29+, die ihr Leben alleine meistert und nicht auf einen Mann als Ernährer angewiesen ist, kann sich auch alleine für derartige Finanzdinge interessieren — ohne dass es dafür einen Mann als Anlass braucht. Wenn sie sich jedoch dafür nicht interessiert, dann besteht auch kein Grund, es als Unvollkommenheit oder Schwäche zu thematisieren. Gerade bei jüngeren Leserinnen kann so wiederum der Eindruck erstehen, dass die Frau 29+ als Single eigentlich nur darauf wartet, „abgeholt“ zu werden, weil sie alleine kein eigenes Ganzes bildet. Das entspricht etwa dem Bild des ewigen Junggesellen, der noch mit den Jugendmöbeln in der ersten eigenen Wohnung haust, in der sich ungewaschenes Geschirr und zentimeterdicker Staub türmen — dem Mann wird ohne Frau der Sinn für Wohnästhetik und Reinlichkeit abgesprochen.

Der Hinweis auf die gelungene Béchamel-Sauce ist nicht minder selbstdiskriminierend. Es klingt so, als könne eine Frau ihr gesamtes Potenzial nur dann entfalten, wenn sie für einen Mann und die Kinder mitkochen kann — oder dass sie ohne den aktivierenden Impuls der zu ernährenden Familie gar nicht das Bedürfnis verspürt, einfach nur für sich selbst den kulinarischen Olymp zu erklimmen. Wirklich schlimm an dieser Aussage sind jedoch zwei andere Punkte: Erstens wird das Kochen als typisch weiblich dargestellt und das Versagen beim Kochen als ein Manko, als ein Minuspunkt auf der Liste der vorzeigbaren Funktionen und Eigenschaften, die eine Frau mitzubringen hat. Zweitens wird durch den Versand der Nachrichten an den Freundeskreis suggeriert, dass die Single-Frau 29+ stets auf der Suche nach Bestätigung ist, um ihr selbstgewähltes Lebensmodell zu legitimieren: Schaut her, ich bin Single und kann trotzdem für mich selbst sorgen! Man kann nur hoffen, dass es sich dabei um eine Übertreibung handelt, denn wie soll solches Handeln als Rollenmodell für junge Frauen gelten, die gerade lernen, wie man auf eigenen Füßen steht? Fakt ist, dass man mit genug Klugheit, Wissbegierde und harter Arbeit auch als Single alles erreichen kann und alle Probleme lösen kann. Um Hilfe zu fragen ist anders, als sich von vornherein als hilflos zu positionieren.

Lasst uns einander nicht falsch verstehen: Dieser Artikel umfasst auch lesenswerte und amüsante Aspekte; dass also der Post auf Edition F nun im Mittelpunkt meiner Kritik steht, ist Zufall. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle nicht mit einem für derartige Beiträge so üblichen Kompromiss enden — der in etwa so lauten würde: „Ebenso findet sich immer auch etwas Gutes in den zig anderen, sehr menschlichen Berichten von Single-Frauen 29+, die Einblicke in mehr oder minder persönliche Bereiche ihres Lebens geben.“

Nein.

Statt eines Kompromisses will ich meinen Erguss mit einem Aufruf beenden: Haltet die Klappe! Hört auf, als Single-Frauen 29+ über das Leben als Single-Frau 29+ zu schreiben! Ich will nichts von euren eintausend Familienpizzakartons und Erzählungen von Netflixdauerbeschallung wissen. Ich will nicht lesen, wie ihr die Familienidylle eurer Bekannten zwar nicht haben wollt, aber als deren erwachsene Entscheidungen natürlich gutheißt, um bloß niemanden zu verstimmen (schließlich sind eure Leserinnen zum Großteil in Beziehungen und / oder Mütter). Ich will nicht lesen, wie ihr euch als unvollständig und als nicht in das gesellschaftliche Raster passend positioniert (das Narrativ der biologischen Uhr, die einfach nicht ticken will, ist ebenfalls längst auserzählt — zumal die biologische Uhr an sich eine gesellschaftliche Konstruktion ist).

Was ich will?

Ich will lesen, wie ihr das Dasein als Single-Frauen 29+ auskostet und genießt — weil ich es tue und weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass eure Posts repräsentativ für unsere Gattung sind. Es ist mir egal, ob ich jemanden kennenlerne; das ist einer von vielen Aspekten des Lebens, aber es ist nicht notwendig, dass ich mich als ein Ganzes fühle. Ich spiele mit dem Gedanken, in eine Immobilie zu investieren und noch einmal ins Ausland zu gehen, mich zu verwurzeln und mich zu entwurzeln. Ich koste die Freiheit aus, spontan alleine in den Urlaub fahren zu können und geplante Verabredungen abzusagen. Ich arbeite heute 12 Stunden und morgen gar nicht, weil ich mir freinehmen kann, wann ich will. Ich feiere die Ambivalenz des Daseins als einzelnes Ganzes in einer Gesellschaft, die Zweierbeziehungen als Norm über alle anderen Lebensformen stellt.

Also feiert sie doch bitte auch.

Diesen Beitrag habe ich zuerst auf Medium veröffentlicht.

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