Eine Internetzeitreise, Teil 4

Blog_2016_08_27

36 Posts im Juni 2007, 51 im Juli: Die Ausbeute der Teile 1, 2 und 3. 20 im August, 19 im September, 7 im Oktober, 6 im November und 5 im Dezember 2007: Meine tumblelog-Erinnerungsfahrt geht in die vierte Runde. IMVU, Travian und andere Browsergames sorgen dafür, dass die Fassade meiner Begeisterung für Online-Gaming zu bröckeln beginnt. Politiker reiten auf der Killerspiel-Welle, die Debatte schmeckt schal. Die Phase ist vorbei, in der alles neu war und der Markt noch nicht so ganz wusste, wie er aus der Nische heraus die Masse erreichen konnte. Ich amüsiere mich über Persönlichkeitstests, die ihre Hoch-Zeit eigentlich 2002-2004 hatten – und heute als Mittel zur Reichweitengenerierung fast überall im WWW wieder im Einsatz sind. Ich verschlinge Harry Potter und sämtliche Cyberpunk-Literatur. Mein Englisch und meine Fantasie profitieren davon. Studium, Arbeit, Reisen. Die Games Convention 2007 ist eine einzige Party ohne Pause, ich moderiere Bühnenshows, tingle berauscht hin und her zwischen B2B und B2C.

07

Ich bin ein geekiger Nerd, ein nerdiger Geek und alles zwischendrin. Ich klicke mich durch sämtliche xkcd-Comics und stoße auf das Burning Man Festival. Bis heute bin ich dort noch kein einziges Mal gewesen; die Counterculture der SF Bay Area und ihr Zusammenhang mit der Entstehung des Cyberspace machen mich neugierig, resonate with me, schwingen mit und hallen nach in vielen meiner Projekte. Schon ist der August vorbei.

Podcasts treten ihren Siegeszug an, aber mir sind sie zu aufgeregt; die Stimme muss das fehlende Bild kompensieren und die meisten Sprecher übertreiben damals wie heute. Einzig die Tonspur von Videos ohne Bild finde ich erträglich, beides zusammen ist mir zu grell, zu intensiv. Ein Blog über ESL/EFL finde ich interessant; Dozierende entdecken via Social Media neue Möglichkeiten der Kommunikation mit Studierenden. Schade nur, dass so viele Wikis, Foren, Chatrooms, Mailinglisten, geteilte Ordner von MOOC-CMS-Systemen automatisch angelegt werden, ohne dass sie wirklich genutzt werden. Sinnvoller ist meines Erachtens nach das gemeinsame Erarbeiten einer Arbeitsstruktur, die auch zum Design eines Seminars passt. Dafür ist ein einziges Semester aber erfahrungsgemäß zu kurz.

Das Web 2.0 rotiert um die eigene Achse, analysiert sich selbst und stiehlt auf Websites den eigentlichen Inhalten die Aufmerksamkeit. Je mehr ich privat poste oder für die Arbeit schreibe, desto bewusster wird mir, wie unwichtig der Autor in der Online-Kommunikation geworden ist. Seiten greifen Schnipsel meiner Texte auf, copy-and-paste wird zu einem neuen Textgenre, Kontext und Urheber(recht) versinken in der Bedeutungslosigkeit.

Damals bedeutungsvoll, heute bedeutungslos: Gimmicks und Swag wie T-Shirts oder Keychains. Was ich besitze, muss eine Daseinsberechtigung haben; der Prozess des sich-von-Ballast-Befreiens dauert noch an. Er wurde in meinem Kopf angestoßen, als ich 2010 von einer großen Wohnung auf ein kleines (möbliertes) Zimmer zur Untermiete umgestiegen bin. Ein Teil meiner Besitztümer landete in Kisten bei meinen Eltern, die Möbel verschenkte ich, der Rest stapelte sich in diesem Zimmer bis unter die Decke. Einige Dinge habe ich während der zwei Jahre, die ich dieses Zimmer in Paris bewohnte, nicht einmal zur Hand genommen. Ein Indiz dafür, dass man so viel mehr ansammelt, als man eigentlich braucht.

Klammer zu, zurück in den Monat September 2007. Ich fahre in den Urlaub nach Andalusien und verliebe mich in Sotogrande; ein Yachthafen und eine Gated Community, hauptsächlich bevölkert von Briten. Wie so oft in diesen Jahren ist die Woche vor Urlaubsbeginn ein einziger Arbeitstag; und der radikale Schnitt zwischen Arbeitszeit und Freizeit haut mich um. Ich nehme mir vor, es in Zukunft irgendwie anders zu machen.

Im Oktober zahle ich drei Euro für ein Premium-Graphicguestbook, das immer noch existiert. Die meisten Einträge stammen von Bekannten aus dem Online-Game, das ich zu diesem Zeitpunkt immer noch spiele. Die Penisbilder mussten allerdings der Zensur weichen. Ein Online-Test bei innergeek ergibt, dass ich zu 30,57199% Geek bin. Jedes Mal, wenn ich Geek oder Nerd schreibe, muss ich die entsprechenden Definitionen noch einmal nachlesen, weil sich die Begriffe in meinem Kopf dauernd überschneiden. Bei Wikipedia stoße ich da gerade auf den im Deutschen nicht verwendeten Begriff Jock als „Antonym“ zum Nerd… Jeder Nerd ist ein Geek, aber nicht jeder Geek ist ein Nerd. Jocks sind auch Geeks. Wieder etwas gelernt.

Ich beobachte den Vormarsch asiatischer Spiele (Asiatisierung?) auf dem Online-Gaming-Markt und muss lernen, mit „Engrish“ umzugehen; also Variationen der englischen Sprache („Englishes“) mit asiatischem Einschlag in Grammatik oder Rechtschreibung. Das ist auch bei den Spielen meines Arbeitgebers ein Problem, so dass wir asiatisches Englisch zuerst in englisches Englisch übertragen müssen, um die Texte dann in die anderen Sprachen unseres Portfolios zu übersetzen.

Für „B., D. und A.“ poste ich die Literaturliste meiner Bachelorarbeit, an der ich immer noch arbeite. Ich weiß nicht, ob ich noch weiß, wer die drei sind. Ich habe festgestellt, dass mein Gehirn sehr gut vergessen kann. Das erklärt wohl meine Faszination nach der Wiederentdeckung verlorener Erinnerungen, die ich in diesem tumblelog in den vergangenen neun Jahren niedergeschrieben habe (z.B. einen Link zum Ultimate Showdown of Ultimate Destiny). Die ich jetzt aufspüre, obwohl ich so viele andere Dinge zu tun hätte.

Manche Posts sträuben sich gegen die Löschung; sie tauchen immer wieder im Archiv auf. Die Archivfunktion bei tumblr ist großartig; so eine würde man sich bei vielen anderen Netzwerken wünschen, wenn man auf den Pinnwänden, Zeitstrahlen, Blogseiten… interessanter Entdeckungen immer weiter in die Vergangenheit zurückgeht und der Browser irgendwann schlapp macht.

Manche Online-Games sträuben sich gegen die endgültige Schließung der Server; sie geistern nach wie vor durch das Netz, als Browser- oder Client-based Games oder als Apps. Abseits des bunten Trubels stoße ich auf Picross, eine Art Minesweeper mit Bildchen statt Bomben.

Ich entdecke ein Täschchen namens Simone auf DaWanda – und überhaupt DaWanda als Plattform. Da ich bis auf Zeichnung, Illustration und Malerei kein Handwerk beherrsche, kaufe ich dort allerdings nur anstatt zu verkaufen. Dabei habe ich ein Talent für Fehlkäufe und verkaufe Gekauftes wieder bei eBay. Die Xing-Gruppe Digital Games Science veröffentlicht meinen Artikel „Virtuelle Identitätsbildung – Selbstinszenierung in Second Life“, den ich für das (fast komplett selbst geschriebene) GameStar-Sonderheft zu Second Life geschrieben habe. Der Artikel erscheint auch noch in der MacWelt.

08

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, überall tauchen Top-10-Listen auf, Listicles heißen sie heute. 2008 verspricht spannend zu werden. Ich lege vorsichtshalber schon einmal den Post für das Jahr an, damit ich die Zeitreise nicht aus Faulheit vorzeitig abbreche.

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