Interview: UTB-Studiertier

Blog_2016_02_21

An dieser Stelle kann ich mein Statement von der ersten Seite nur noch einmal wiederholen: Ich bin momentan (immer noch) in so viele spannende Projekte eingebunden, dass meine eigene(n) Seite(n) nach wie vor viel zu kurz kommt/kommen. Deshalb an dieser Stelle nur kurz ein Update: Das UTB-Studiertier (aka die Praktikantinnen bei UTB, in meinem Fall die sehr nette Daniela) hat mich zu meinem akademischen Werdegang interviewt. Da ich natürlich viel zu ausführliche Antworten auf die Fragen geschrieben habe, wurde der Text ein wenig gekürzt; das Interview findet man hier.

2016-02-18.

Kurz davor hatte ich bei UTB an einem Wettbewerb teilgenommen, bei dem man die besten Tipps gegen Prüfungsangst einreichen sollte. Mein Tipp gehörte zu den glücklichen Gewinnern (ein 30-Euro-UTB-Gutschein ist in der Tat ein schöner Gewinn) und sieht wie folgt aus:

2016-02-18

Allerdings bin ich doch ganz froh, dass ich als Doktorandin keine Prüfungen mehr schreiben muss. Die Präsentationen zum Fortschritt meiner Dissertation sind aber anstrengend genug, zumal ich rückblickend im letzten halben Jahr viel zu wenig Zeit in das wissenschaftliche Arbeiten zugunsten der schnöden Erwerbsarbeit gesteckt habe. Ich gelobe Besserung. Anbei noch die ausführliche Variante meines UTB-Interviews:

Du promovierst gerade im Bereich der Soziologie, der Wissenschaft, die sich mit dem sozialen Verhalten befasst – sind wir dann nicht alle Versuchsobjekte für dich? Um was geht es in der Soziologie denn konkret?

Ich würde sagen, dass wir alle generell für einander Versuchsobjekte sind. Denn soziales Verhalten entsteht auf ganz vielen Ebenen im Miteinander. Wir als Menschen (nicht als Soziologen) versuchen ja ständig, unsere eigene Position in Relation zu anderen Menschen, Organisationen… zu setzen. Wir treffen Entscheidungen, die uns und unsere Umwelt verändern.

Und die Prozesse, die dabei ablaufen, kann man aus soziologischen Perspektiven betrachten. Das heißt: Was führt dazu, dass bestimmte Dinge (nicht) passieren, was passiert (nicht) auf welche Weise, welche Konsequenzen hat das (nicht). Es geht zum Beispiel um einzelne Handlungen, aber auch um Prozesse und übergeordnete Strukturen. Die Soziologie hilft, soziales Handeln zu deuten, zu verstehen und zu erklären. Im Gegensatz zu Fächern wie Pädagogik, Psychologie, Politik gibt die Soziologie aber z.B. keine Handlungsanweisen oder Prognosen. Aber so genannte Spezielle Soziologien beschäftigen sich intensiver mit einzelnen Teilbereichen der Welt – z.B. Arbeitssoziologie, Wissenssoziologie, Umweltsoziologie. Und für jede soziologische Fragestellung wählt man aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven und Methoden.

Ursprünglich hast du dein Bachelor-Studium aber im Bereich Medien und Kommunikation begonnen. Wie kam es zu dem Richtungswechsel in die Soziologie? Oder haben die Fächer doch mehr gemeinsam als man zuerst denkt?

In meinem „MuK“-Bachelor konnte ich auch soziologische Seminare belegen, da er interdisziplinär ausgelegt war. Damals hat mich Soziologie ehrlich gesagt aber noch gar nicht interessiert; meine Bachelorarbeit schrieb ich auch in Medienpädagogik. Ich kann natürlich nicht für alle MuK-Studiengänge sprechen, aber ich vermute, dass die meisten so ausgelegt sind, dass unterschiedliche Perspektiven auf den „Gegenstand“ Medien, bzw. auf die Kommunikationsvorgänge darin angeboten werden; und dazu gehört auch der soziologische Blickwinkel. Insofern besteht durchaus eine Verbindung zwischen MuK und Soziologie.

Mein Interesse an der Soziologie kam aber eigentlich erst mit dem Master in Paris. Der war ebenfalls interdisziplinär ausgelegt und ich hatte mehrere Seminare, die soziologische Perspektiven konkret in die Betrachtung von Medien, Information und Kommunikation mit einbezogen haben. Auch meine Dozenten tragen letztendlich die Schuld an meinem Richtungswechsel, weil sie die Inhalte so lebensnah und anschaulich vermittelt haben. Meine beiden Masterarbeiten in Paris habe ich dann aus einer medien- bzw. kultursoziologischen Perspektive geschrieben. Dabei hat sich ein Thema aus dem anderen ergeben und am Ende habe ich festgestellt: Da ist ein Themenstrang, den ich gerne noch weiter erforschen würde. Ich habe mir das Thema dann aus verschiedenen Richtungen angesehen und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es sich soziologisch am sinnvollsten bearbeiten lässt. Damit war der Richtungswechsel sozusagen vollzogen. Ein kleines Manko daran ist, dass ich mir viel aneignen muss, das ich in einem Soziologiestudium in Deutschland mitbekommen hätte. Der Vorteil als Quereinsteiger ist jedoch, dass man zusätzliche Erfahrungen und Wissen aus anderen Studienfächern mitbringt und daraus schöpfen kann.

Deinen Master hast du komplett in Paris gemacht. Was hat es dir gebracht im Ausland zu studieren und würdest du jedem dazu raten? Wie wichtig schätzt du Auslandserfahrungen in der heutigen Zeit ein?

Ich bin als so genannter „Free Mover“ nach Paris gegangen; das heißt, dass ich an keinem Austauschprogramm teilgenommen habe, sondern mich wie ein „normaler“ Student an der Uni in Paris direkt beworben habe. Für das erste Jahr hatte ich ein Graduiertenstipendium vom DAAD, so dass ich finanziell gut zurecht kam, im zweiten Jahr habe ich neben dem Studium noch gearbeitet.

Ein Auslandsstudium generell – und als Free Mover im Speziellen – würde ich wirklich uneingeschränkt jedem empfehlen. Eigentlich braucht man dafür nur eine große Portion Mut und den Willen, hart zu arbeiten und sich gut zu organisieren. Ich bin durch den ganzen Prozess in vielen Bereichen über mich hinausgewachsen und habe sehr viel gelernt:

Wie man sich zum Beispiel selbst in einem fremden Land organisiert (und wie man so ein Unterfangen von zuhause aus plant – anderthalb Jahre im Voraus), wie man auch in der Fremde einen Alltag mit Freunden und Hobbys kennen und lieben lernt, was in Frankreich anders und was genauso ist wie hier in Deutschland. Ich habe mich noch nie so sehr als Deutsche gefühlt wie während meiner Zeit in Frankreich – im positiven Sinne. Man wird einfach auch mit ganz anderen Fragen zur eigenen Identität konfrontiert und lernt sich selbst von einer neuen Seite kennen.

Rein inhaltlich waren die zwei Jahre unbezahlbar für die Sprachkenntnisse; mein Französisch hat sich sehr verändert, aber auch mein Englisch und mein Deutsch. Und nichts bringt das Sprachzentrum so sehr durcheinander, wie ein Englisch-Sprachkurs in Frankreich. Die Studieninhalte – Medien, Kommunikation, Soziologie – waren ebenfalls äußerst spannend und die Art des Studierens, die Bewerbungen für Masterplätze, sowie die Prüfungsleistungen sind ganz anders als in Deutschland. Auch damit muss man erst einmal zurechtkommen. Man sieht die Welt und das Studium aus einer ganz anderen Perspektive.

Die Wichtigkeit der Auslandserfahrungen hängt ein bisschen davon ab, welche Pläne für die Zukunft und welche Sehnsüchte man hat. Bei meinem zweiten Master in Deutschland habe ich viel mit Studierenden aus verschiedenen Fachrichtungen zu tun gehabt, weil mich ihre Pläne interessiert haben – gerade für Studierende in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Einige hatten gar nicht das Bedürfnis, anderswo zu studieren oder zu leben – und das ist absolut in Ordnung, wenn man nicht vorhat, in einem internationalen Umfeld tätig zu sein. Wer jedoch im Studium zuweilen unter echtem Fernweh leidet, der sollte in sich gehen und sich überlegen, welche Art der Auslandserfahrung dieses Fernweh stillen könnte: Ein Auslandssemester oder Studium? Ein Gap Year mit Work and Travel, als Au-pair oder Volunteering? Ein Praktikum im Ausland? Ist man auf der Suche nach einer zweiten Heimat mit einem richtigen Alltag, oder möchte man eher Abenteuer erleben? Natürlich spielt das Geld bei alledem eine große Rolle, ich hätte das ohne Ersparnisse, Stipendium und Arbeit neben dem Studium auch nicht geschafft. Aber ich würde sagen, dass man bis 30 jede Möglichkeit hat, sich auszuprobieren, zu scheitern und wieder neu anzufangen. Die Fallhöhe ist einfach viel geringer, die Ansprüche sind noch nicht so hoch und die wenigsten Studenten haben in dem Alter schon eine Familie und ein Haus gebaut.

Du nimmst in Augsburg an der Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften teil. Für alle die nicht an der Uni Augsburg sind: was ist das genau? Gibt es an jeder Uni so ein Programm?

Normalerweise unterscheidet man zwischen Doktoranden, die auch am Lehrstuhl arbeiten und zwischen externen Doktoranden, die sich ihre Brötchen anderswo verdienen – zu denen gehöre ich auch. Die GGS ist eine Art Rahmenprogramm für alle Doktoranden, um Struktur in das eigene Promotionsvorhanden reinzubringen. Man nimmt an Kolloquien an der Uni teil, an speziellen Fachtagungen, an Seminaren zu Didaktik und Soft Skills; auch eigene Lehraufträge gehören zum Programm und Berichte über den Fortschritt der eigenen Doktorarbeit. Die GGS dient auch dazu, im akademischen Bereich zu netzwerken und Kontakte für die Zeit nach dem Doktor zu knüpfen – wenn man eine akademische Karriere anstrebt. Ein bisschen ähnelt die GGS den Ph.D.-Programmen an US-amerikanischen Unis, aber der Arbeitsaufwand ist nicht so hoch. Ich fühle mich dort sehr gut aufgehoben, weil ich auch als externe Doktorandin eben Anknüpfungspunkte an den Uni-Alltag habe. So ein Programm hat meines Wissens nach nicht jede Uni – leider.

Ein Doktortitel in den Sozialwissenschaften – warum strebst du diesen an und welche beruflichen Möglichkeiten eröffnen sich für dich? Willst du später lieber an einer Uni bleiben oder in der freien Wirtschaft arbeiten?

Ich habe während des Masters und während meiner Zeit in Festanstellung gemerkt, dass mir die wissenschaftliche Arbeit weitaus mehr Spaß macht als die Arbeit in der freien Wirtschaft. Ich habe beide Seiten kennengelernt. Sich Wissen anzueignen, es auf Fragestellungen anzuwenden, die mich wirklich interessieren, es weiterzugeben und im Austausch wieder neue Anregungen zu erhalten – nur dafür kann ich mich aber wirklich begeistern, das ist für mich sinnstiftend und sinnhaft. Der Doktortitel ist die Voraussetzung – oder die „Eintrittskarte“ dafür, in diesem Bereich überhaupt arbeiten zu können. Gleichzeitig fasziniert mich, dass ich hier noch ganz am Anfang stehe und es noch so viel zu lernen gibt; da kann wirklich kein Job in der freien Wirtschaft mithalten.

Ich möchte nach der Promotion also im Idealfall in Lehre und Forschung an einer Uni oder einer FH arbeiten – ob in Deutschland oder anderswo auf der Welt, das wird sich dann zeigen. Es gibt ja auch keine Garantie dafür, dass es sofort klappt. Auch darauf muss ich vorbereitet sein. Aber generell: An der Uni bleiben.

Buchtipp: Gibt es ein Buch von utb das dir besonders gut gefallen/geholfen hat und das du auch an andere Studierende weiterempfehlen kannst? Warum hast du genau dieses Buch ausgesucht?

Es ist nicht ganz einfach, sich hier für ein Buch zu entscheiden. Primär kommt es darauf an, in welcher Phase eines Studiums man sich befindet. Als mir klar wurde, dass ich mein Thema am sinnvollsten aus einer soziologischen Perspektive beleuchten kann, habe ich mich erst einmal wieder mit den Grundlagen der Soziologie aus deutscher Sicht vertraut machen müssen. Dabei hat mir „Einführung in die Soziologie“ von Oliver Dimbath sehr geholfen, weil es klar strukturiert ist, einen guten Ausgangspunkt zum Einstieg mit vielen (!) Verweisen auf weiterführende Literatur bietet und dabei auch noch spannend ist.

Im nächsten Schritt ging es dann darum, mit meinem Betreuer die Grundlagen meiner Forschungsperspektive auszuhandeln – zum Beispiel, wie ich mich dem Begriff „Gesellschaft“ annähere. Dabei kamen wir im Gespräch zu dem Ergebnis, dass die „gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ von Peter L. Berger und Thomas Luckmann – also eine wissenssoziologische Perspektive – in meinem Fall Sinn macht. Daher habe ich mir den UTB-Band „Einladung zur Soziologie“ von Peter L. Berger besorgt und die „Wissenssoziologie“ von Hubert Knoblauch. Das Buch von Peter L. Berger ist tatsächlich als Einladung gedacht, sich mit der Soziologie zu beschäftigen und ist als solche sehr „griffig“ – Bücher dieser Art nehmen dem Leser die Angst vor dem wissenschaftlichen Denken. Der Band „Wissenssoziologie“ diente mir dann als grundlegender Überblick über diesen Bereich, also: In welchem theoretischen Rahmen bewege ich mich, auf welche Werke beziehen sich die aktuellen Theorien.

Zu guter Letzt: Da ich mich für das Internet-Hacken als „abweichendes Handeln“ interessiere, bzw. es als „soziales Problem“ betrachte, kamen mir die beiden Bände „Theorien abweichenden Verhaltens“ I („Klassische“ Ansätze) und II („Moderne“ Ansätze) sehr gelegen. Siegfried Lamnek zeichnet in diesen Büchern einen sehr anschaulichen Überblick – und man kann zwischendurch auch immer wieder nachschlagen, wenn man sich nicht mehr ganz sicher ist. Dahingehend sind Lehrbücher immer sinnvoller als die Wikipedia, denn die Theorien und Ansätze werden im Zusammenhang mit einander erklärt, nicht einzeln für sich aus unterschiedlicher Feder.

PS: Es ist tatsächlich keine Absicht gewesen, dass der TItel The Strange Woman auf dem Stock-Foto von pixabay so prominent im Header zu sehen ist. Aber der Titel klingt eigentlich gar nicht so schlecht.

 

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