Buchrezensionen: narr

Blog_2015_04_29

Für den Narr Studienverlag durfte ich vergangenes Jahr zwei Bücher lesen und kurz rezensieren. Unter narr.de präsentieren sich die drei Verlage Gunter Narr Verlag, A. Francke Verlag und Attempto Verlag; für mich sind die Titel der narr Studienbücher-Reihe natürlich besonders interessant (weiter Informationen dazu gibt es auf der Studienbücher-Website). NB: Das Wort Rezension mag an dieser Stelle nicht ganz zutreffend sein. Vielmehr handelt es sich um relativ knackige Bewertungen der Titel, die noch kurz genug sind, dass sie beim Stöbern nach passenden Büchern auf die Schnelle gelesen werden können.

Übersetzungstheorien. Eine Einführung.

Offizielle Beschreibung (24,90 EUR):

“Das seit vielen Jahren bewährte Studienbuch stellt die einzelnen wissenschaftlichen Schulen in ihren Kernaussagen mit zentralen Modellen und Anwendungsbeispielen vor. Auf Querverbindungen und Gegensätze wird hingewiesen. Die Neuauflage wurde durchgesehen, überarbeitet und um fünf Unterkapitel erweitert.

Ein ausführlicher, fundierter Blick auf die Theorien

Zur Vorbereitung auf mein Studium (M.A. Literarisches Übersetzen) habe ich mir Studienbuch „Übersetzungstheorien“ besorgt: Obwohl ich seit Jahren freiberuflich nebenbei übersetze, hatte ich mich nie mit der Theorie hinter der Praxis beschäftigt und wollte diese Wissenslücke unbedingt vor Beginn des Semesters füllen. Ich hatte vorab keine besondere Vorstellung davon, inwieweit der Bereich Übersetzungswissenschaften klar begrenzt ist – doch bereits in der Einleitung zeigt die Autorin auf, dass es sich dabei keinesfalls um einen einheitlich definierbaren Forschungsgegenstand handelt. Die Aufzählung der verschiedenen Bezeichnungen für die Theorie des Übersetzens allein gibt schon Grund zu staunen – und weckt die Neugierde, mehr darüber herauszufinden, was der Thematik ihre Komplexität verleiht.

In einem kurzen ersten Kapitel erklärt die Autorin die Vorgeschichte der Übersetzungstheorie und die historische Rolle des Übersetzers. Am Ende dieses Kapitels wird eine der zentralen Fragestellungen in einem Kommentar der Autorin klar deutlich: Der grundsätzliche Streit zwischen der abbildend-wörtlichen („treuen“) und der sinngemäß-übertragenden („freien“) Übersetzung. Diese hilfreichen und sinnhaft resümierenden Kommentare begleiten den Leser durch das gesamte Buch und bringen die erläuterten theoretischen Ansätze stets prägnant und gut verständlich auf den Punkt.

Das Buch an sich ist in fünf große Abschnitte unterteilt: Der Blick auf die Sprachsysteme, der Blick auf die Texte, der Blick auf die Disziplin, der Blick auf das Handeln und der Blick auf den Übersetzer. Eine abschließende zehnseitige Zusammenfassung bringt die zentralen Themen und Fragestellungen („Was wäre der Inhalt einer Wissenschaft vom Übersetzen?“) nochmals auf den Punkt, so dass die Intention des Buches abschließend noch einmal deutlich sichtbar wird: „ein Überblick über wichtige übersetzungswissenschaftliche Ansätze (…), die in ihrem Grundansatz vorgestellt und in ihren Berührungen, Überschneidungen oder Gegensätzen voneinander abgegrenzt wurden.“ Besonders zu betonen ist, dass keiner Theorie und keinem Ansatz die Kompetenz zugesprochen wird, die anderen abzulösen oder besser als die anderen zu sein. Vielmehr geht die Autorin darauf ein, dass die geschickte und sinnhafte Kombination von Elementen aus verschiedenen Ansätzen ein Weg ist, um theoretische Positionen unter einander und vor allem diese auch mit der Praxis zu vereinen. Denn: „Praxis ohne Theorie ist funktionaler Leerlauf, und Theorie ohne Praxis ist tote Begrifflichkeit.“

Bei aller Komplexität der Thematik schafft es die Autorin doch stets, die Theorien leicht verständlich zu erklären. Auch ermutigt sie mehrfach dazu, Referenzen, die im Rahmen des vorliegenden Titels nicht näher erläutert werden konnten, selbst nachzuschlagen und sich so in den für den jeweiligen Leser relevanten Bereichen weiterzubilden. Besonders gut hat mir auch gefallen, dass nach dem Blick auf die abstrakten Konzepte auch der Blick auf Text und Übersetzer erfolgt – und dass auch kulturelle Einflüsse, wie beispielsweise feministische Translation, in den Kanon der in der Übersetzung relevanten Themen mit aufgenommen wurden. Die Autorin zeigt in Summe, dass das Feld der Übersetzungswissenschaften in seiner Komplexität viele Ansatzpunkte für Forscher bietet – und dass für die Tätigkeit des Übersetzens weitaus mehr gefordert ist, als nur zwei Sprachen zu sprechen.

Audiovisuelles Übersetzen. Ein Lehr- und Arbeitsbuch.

Offizielle Beschreibung (19,90 EUR):

“Die audiovisuelle Übersetzung erfreut sich im Übersetzungsunterricht zunehmender Beliebtheit. Viele Studierende haben Interesse daran, selbst einmal Untertitel zu einem Film zu erstellen oder einen Film zu dolmetschen. Die einzelnen Kapitel dieses Buches befassen sich mit den gängigen Verfahren der audiovisuellen Übersetzung wie intralingualer und interlingualer Untertitelung, Voice-over Übersetzung, Synchronisation, Audiodeskription für Blinde und Filmdolmetschen. Der Leser wird über die Entwicklung dieser Verfahren ebenso informiert wie über die derzeit gängigen technischen Möglichkeiten und die eigentlichen Aufgaben des Übersetzers in den jeweiligen Arbeitsabläufen. Der didaktische Teil besteht einerseits aus Übungen, mit denen diese Aufgaben eingeübt werden können, andererseits aus Hinweisen zu aktuellen Forschungsfragen. Das Buch eignet sich sowohl zum Selbststudium als auch zum Einsatz im Unterricht.”

Umfassende und unterhaltsame Einführung

Zur Vorbereitung auf mein Studium (M.A. Literarisches Übersetzen) habe ich mir das Lehr- und Arbeitsbuch zum Audiovisuellen Übersetzen besorgt: Denn auch Drehbücher und Skripte sind literarische Erzeugnisse, die besonderer Methoden und spezifischem Fachwissen bedürfen, um sie professionell übersetzen zu können – sei es interlinguistisch, intralinguistisch oder auch intersemiotisch; Begriffe, die ich erst dank des Studienbuches korrekt einordnen kann. Besonders beeindruckt hat mich die Vielfalt der Problemstellungen und Herausforderungen, denen sich audiovisuelle Übersetzer stellen müssen: Audiovisuelles Übersetzen ist weitaus mehr als man vermuten möchte.

Die ausführliche Einführung in die Thematik bildet das erste Kapitel; hier geht die Autorin nicht nur auf die Formen des audiovisuellen Übersetzens ein, sondern präsentiert auch eine Übersicht über die Tätigkeit des Übersetzers (inklusive Ausbildung, Informationen zum Arbeitsmarkt und zur Forschung). Die Einführung umfasst zudem Informationen zu Unterrichtsmaterialien und einen Exkurs zur Filmgestaltung – sehr interessant und ein wirklich nützlicher Blick über den Tellerrand des Textes. In den nachfolgenden Kapiteln geht die Autorin auf die einzelnen Arten der audiovisuellen Übersetzung ein: Interlinguale Untertitelung, Synchronisation, Voice-over, Hörfilme, Untertitelung und Verdolmetschung für Hörgeschädigte, Musik und audiovisuelle Übersetzungsverfahren, Filmdolmetschen. In jedem Bereich bietet sie gut verständliche Definitionen und präsentiert neben aktuellen Diskussionsthemen (z.B. Synchronität, Untertitelung versus Synchronisation, bilinguale Untertitelung, kulturspezifische Besonderheiten) auch fachliche und geschichtliche Background-Informationen, welche die Tragweite der jeweiligen Problematiken bezeugen. Aufgelockert wird das Konzept durch Übungen und Arbeitsanweisungen, die im Prozess absolviert werden können, um sich besser in die jeweiligen Situationen hineinversetzen zu können. Der Text ist stets leicht verständlich, unterhaltsam und sehr gut am Stück lesbar, doch auch Sprünge zwischen einzelnen Kapiteln sind möglich, da die Autorin den Kontext in den einzelnen Passagen stets mit einbezieht. Ich habe sehr viel über verschiedene Techniken und Arbeitsweisen in der audiovisuellen Übersetzung gelernt – auch in Bezug auf das „Drumherum“, also die Rolle des Übersetzers in Teams, die nicht-übersetzerischen Aufgaben (z.B. Spotting und Splitting) – und was eigentlich alles in das Spektrum der benötigten Fähigkeiten und zu erledigenden Aufgaben eines audiovisuellen Übersetzers gehört. Besonders wichtig fand ich auch die Kapitel zum Umgang mit Filmen für Hör- oder Sehgeschädigte: Dass in diesem Gebiet viel getan wird, aber noch viel mehr zu tun ist, ist mir erst durch das Buch klar geworden.

Mein Fazit: Auch wer nicht direkt mit audiovisuellen Übersetzungen zu tun hat, sondern vielleicht „nur“ das geschrieben Wort übersetzt, der sollte sich trotzdem mit diesem Gebiet beschäftigen und sich das vorliegende Lehrbuch als Einführung in die Thematik zu Gemüte führen. Es gibt Denkanstöße, informiert, fordert zum Nachmachen auf und sensibilisiert für die Tätigkeit des audiovisuellen Übersetzens.

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