Buchrezensionen: UTB

Blog_2015_04_29_2

Auch für UTB (Der Klügere liest rot) durfte ich vergangenes Jahr zwei Titel und dieses Jahr ebenfalls zwei Titel testlesen, die insbesondere für meine Doktorarbeit („Gesellschaft hacken?“) sehr relevant sind. Ein UTB-Titel war auch das erste Buch, das ich mir damals 2004 zu Beginn meines Bachelor-Studiums kaufte (Soziologie von Hermann Korte) – und seitdem begleiten mich die roten Bücher auf meiner akademischen Reise. NB: Das Wort Rezension mag an dieser Stelle nicht ganz zutreffend sein. Vielmehr handelt es sich um relativ knackige Bewertungen der Titel, die noch kurz genug sind, dass sie beim Stöbern nach passenden Büchern auf die Schnelle gelesen werden können.

Update am 28.5.: Mittlerweile ist noch eine Rezension hinzugekommen (s.u.).

Update am 14.9.: Rezension Nummer vier schließt sich an.

Roger Häußling: Techniksoziologie (2014)

Die Zusammenhänge von Technik und Gesellschaft einführend und übersichtlich erläutert. Spätestens seit der Actor Network Theory dürfte einem breiteren Publikum für sozialwissenschaftliche Themen deutlich geworden sein, dass es sich bei der Techniksoziologie um keine gewöhnliche Spezielle Soziologie handelt.Techniksoziologie erhebt den Anspruch, das Soziale anders als die Mainstream-Konzepte der Soziologie zu deuten – nämlich durch Einbezug. 29,99€

Ein umfassender Querschnitt durch das Feld der Techniksoziologie

Das Thema meiner Doktorarbeit befasst sich mit einem Forschungsgegenstand aus der Techniksoziologie. Aus diesem Grund – und weil der vorliegende Titel mit dem Erscheinungsdatum Oktober 2014 auf einem sehr guten, aktuellen Stand ist – bestellte ich mir den UTB-Band „Techniksoziologie“ von Roger Häußling aus der Reihe „Studienkurs Soziologie“. Prof. Dr. Roger Häußling ist Univ.-Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Technik- und Organisationsforschung am Institut für Soziologie der RWTH Aachen und Senior Research Fellow am HfG-Forschungsinstitut Karlsruhe.

„Techniksoziologie“ bietet auf rund 440 Seiten einen umfassenden Einblick in diese Spezielle Soziologie. Häußling weist darauf hin, dass Techniksoziologie eng verknüpft ist mit der Wissenschaftssoziologie: Im internationalen Raum ist sogar die Sammelbezeichnung STS („science, technology, and society studies“) geläufig und auch die entsprechende Sektion der DGS (Deutsche Gesellschaft für Soziologie) heißt „Wissenschafts- und Technikforschung“. In der Forschungspraxis jedoch existiert die Techniksoziologie in Deutschland als eigenständiger Zweig und wird dank Häußlings Studienbuch als Disziplin sehr anschaulich umfasst.

Der Band ist in sechs Kapitel unterteilt, die von den Grundsatzfragen über die Historie bis hin zu Perspektiven für die Zukunft der Techniksoziologie einen umfassenden Querschnitt durch die Disziplin bieten. In „1. Was ist Techniksoziologie?“ umreißt der Autor kurz und anschaulich die Auffassung von „Technik“, mit der die Techniksoziologie arbeitet. In „2. Entwicklungsgeschichte und Wegbereiter der Technologie“ geht er auf insgesamt sechs verschiedene Wurzeln ein, welche die Disziplin geformt haben. In „3. Grundbegriffe der Techniksoziologie“ erläutert er uns den Grundwortschatz und verankert die einzelnen Vokabeln in ihrem soziologischen Kontext. In „4. Techniksoziologische Ansätze“ präsentiert er groß 12 Herangehensweisen an den Forschungsgegenstand Technik, gefolgt von „5. Aktuelle techniksoziologische Fragestellungen“. Dort beschreibt er kurz Fragen der Innovations- und Diffusionsforschung und bietet einen ausführlichen Überblick zur Techniksoziologie in Deutschland mit acht theoretischen Ansätzen. Im letzten Kapitel, „6. Kritik und Perspektiven“, geht er auf vier Möglichkeiten ein, die Techniksoziologie mit der von ihm geforderten empirischen Wände weiterzuentwickeln. Literaturverzeichnis, Personenregister und Sachregister bilden den Abschluss. Insgesamt ist der Aufbau klar und durchdacht, die Struktur erlaubt es dem Leser, sich sofort das Thema oder Schlagwort herauszusuchen, das für ihn von unmittelbarem Interesse ist. Vor allem der Blick auf den Stand der Disziplin in Deutschland ist nützlich für all jene, die in diesem Bereich in Deutschland aktiv werden wollen. Auch halte ich die Rückbezüge zur Allgemeinen Soziologie für sehr wertvoll, um sich stets daran zu erinnern, dass Technik jedweder Art in jeder gesellschaftlichen Sphäre von Relevanz ist.

Relevant ist auch Häußlings Studienbuch – und zwar nicht nur für Techniksoziologen. Studierende aus anderen Speziellen Soziologien, sowie aus anderen Fachrichtungen (Kultur-, Medien- und Kommunikationswissenschaften, durchaus auch Informatik) werden hier ebenfalls viele interessante Anknüpfungspunkte finden, die eine neue Perspektive auf ihre jeweiligen Forschungsgegenstände ermöglichen. Der vorliegende Band weist sehr viele weiterführende Referenzen auf, die zur Prüfungsvorbereitung oder für eine Abschlussarbeit sehr relevant sind, wenn man sich vom allgemeinen Grundwissen über die Disziplin entfernen möchte. Geeignet halte ich das Buch für Studierende jeden Semesters; wer mit dem Vokabular oder gewissen Theorien nicht vertraut ist, der wird anhand der genannten Referenzen diese Wissenslücken gezielt schließen können. Die Sprache ist zudem sehr leicht verständlich und das Buch lässt sich sehr flüssig lesen; die Einleitungen zu jedem einzelnen (Unter-)Kapitel sorgen dafür, dass man durchaus auch nur einzelne Kapitel lesen kann.

Einige Abbildungen und Tabellen lockern das textlastige Layout auf; an manchen Stellen wären Listen oder deutlichere Hervorhebungen noch sinnvoll gewesen, um auch beim Querlesen sofort auf die relevanten Gliederungspunkte zu stoßen. Ansonsten gibt es an der Aufmachung nichts auszusetzen und nichts besonders zu loben – wichtiger ist ohnehin, dass der Inhalt verständlich vermittelt wird und diese Aufgabe erfüllt Häußling mit Bravour. Das Glossar ist noch besonders als Lernhilfe hervorzuheben, da es wichtige Vokabeln umfasst, ohne deren Beherrschung Verständnis von und Kommunikation über Techniksoziologie fast nicht möglich sind.

Hubert Knoblauch: Wissenssoziologie (2014)

Hubert Knoblauch bietet einen grundlegenden Überblick über den Bereich der Wissenssoziologie: Von den Vorläufern über die klassische deutsche Wissenssoziologie bis hin zu ihren gegenwärtigen theoretischen Ansätzen und den Forschungsfeldern zeichnet er detailliert und verständlich den Weg der Wissenssoziologie nach. 24,99€

Grundlegendes zu Wissen und Erkenntnis in der Gesellschaft: Wissenssoziologie.

Wie entsteht Wissen, wie verbreitet es sich, wie werden subjektive Erkenntnisse zu objektiven Fakten? Das 2014 in der 3., überarbeiteten Auflage erschienene Buch „Wissenssoziologie“ von Hubert Knoblauch knüpft an diese und weitere Fragen an, um das komplexe Forschungsfeld zu erläutern. Die aktuelle Veröffentlichung greift die neuesten Entwicklungen aus wissenssoziologischer Perspektive seit der Erstauflage 2005 auf und enthält zusätzlich ein Kapitel zur Grundsatzfrage: „Was ist Wissen?“. Dass in so kurzen Abständen (2005, 2010, 2015) bereits die dritte Fassung des Bandes „Wissenssoziologie“ erscheint, erklärt Knoblauch in seinem Vorwort mit den Worten: „[2005] schien die Wissenssoziologie nahezu vergessen zu sein. Heute hat man den Eindruck, als sei sie, aus einem langen Dornröschenschlaf erwacht, lebendiger denn je zuvor. Dass es womöglich zur Wiederbelebung der Wissenssoziologie beigetragen hat, mag einer der Gründe für eine dritte Auflage dieses Buches sein.“

Knoblauchs Eindruck kann ich an dieser Stelle nur bestätigen. In meinen Soziologieseminaren 2006-2007 war die Wissenssoziologie kaum mehr als ein Randbereich; heute scheint sie rasant an Bedeutung und Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ich selbst beschäftige mich im Rahmen meiner Doktorarbeit mit der Wissenssoziologie, die es mir ermöglicht, das Wissen als soziales Phänomen zu begreifen und die Entwicklung des gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Verständnisses von Wissen zu verfolgen. So schreibt auch Knoblauch, dass die Wissenssoziologie „kein stark institutionalisiertes und geregeltes Forschungsfeld darstellt. Die Ränder und Fransen dieses dynamischen Feldes sollten ebenso sichtbar bleiben wie die noch offenen Fragen und Probleme.“ Die Notwendigkeit einer umfassenden Einführung in die Wissenssoziologie ist gegeben: Um ihre Begriffe, Modelle und Ansätze zu verstehen, mit denen sie sich von anderen Teildisziplinen abgrenzt, müssen wir zunächst erfahren, wo sie überhaupt herkommt und welchen „weitgehenden Anspruch“ sie laut Knoblauch hat.

Auf insgesamt 392 Seiten führt Knoblauch in die Wissenssoziologie ein; Literaturverzeichnis und Personenregister umfassen dabei 30 Seiten. Nach Vorwort und Einleitung gliedert sich der Band wie folgt: Teil I, Die Ausbildung der Wissenssoziologie, mit (A) Vorläufer und (B) Die moderne Wissenssoziologie. In diesem Abschnitt beschäftigt sich Knoblauch ausführlich mit der deutschen Wissenssoziologie, geht aber auch auf französische und angelsächsische, insbesondere amerikanische Ansätze ein. Dieser perspektivische Dreiklang ist äußerst nützlich, denn Geschichte, Politik und Gesellschaftstheorie sind in den jeweiligen Ländern eng verknüpft, so dass es nachlässig gewesen wäre, nur von „einer“ Wissenssoziologie zu sprechen.

Teil II, Gegenwärtige Ansätze der Wissenssoziologie, befasst sich zunächst mit der phänomenologisch orientierten Wissenssoziologie (A), insbesondere mit der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit nach Berger und Luckmann, die zu kennen für die Beschäftigung mit der Wissenssoziologie notwendig ist. Unter (B) Die kommunikative Wende beschreibt er verschiedene Ansätze der Wissenssoziologie, die Kommunikation in den Vordergrund stellen – Hermeneutik, Systemtheorie, Semantik und Rahmenanalyse sind einige Beispiele. Diese Konvergenz der Ansätze hin zum Begriff der Kommunikation bezeichnet Knoblauch als erstaunlich; es gelingt ihm hier, sowohl das Verblüffende daran als auch die ursächliche Logik klar verständlich darzustellen. In (C) Der Strukturalismus und danach: Foucault, Bourdieu und die Cultural Studies zieht er die Verbindung zu diskurs- und kulturtheoretischen Ansätzen und schließt somit den Kreis.

In Teil III, Gegenwärtige Themen der Wissenssoziologie und der Wissensforschung, verlässt er den reinen Theorie-Rahmen und widmet sich Fragen zu den Inhalten, die in der Theorie verankert werden. Dazu gehören: (A) Die Soziologie der Wissenschaft, (B) Informations- und Wissensgesellschaft, (C) Wissensstruktur und Sozialstruktur: Die soziale Verteilung des Wissens, (D) Wissensforschung an den Grenzen der Wissenssoziologie und (E) Jüngere Entwicklungen der Wissenssoziologie. Die Wahl der Themen ist durchaus nachvollziehbar und wird dem breiten Anwendungsgebiet der Wissenssoziologie gerecht. Doch viel wichtiger als das konkrete Thema ist die Erkenntnis, die zumindest ich persönlich daraus gewonnen habe: Jeder Bereich des Lebens lässt sich aus der wissenssoziologischen Perspektive betrachten, denn überall werden in irgendeiner Form Informationen weitergegeben und Wissen verhandelt. Trotz dieses übersichtlichen und logischen Aufbaus weist Knoblauch zudem darauf hin, dass „[das] Wissen (…) sicherlich der abstrakteste aller möglichen Gegenstände [ist]. Einem Buch über die Wissenssoziologie haftet deswegen unvermeidlich auch etwas von dieser Abstraktheit an. (…) In offener Selbstkritik bin ich mir bewusst, dass ich mit der Abfassung einer einführenden Übersicht selbst eine wissenssoziologisch interessante Handlung vollziehe: Ich trage zur Erzeugung eines Kanons von Wissen bei.“

Die 3. Auflage enthält ein weiteres Kapitel, den „Schluss: Was ist Wissen?“, oder: Was versteht die Wissenssoziologie unter dem Begriff Wissen? Als Antwort auf diese grundsätzliche Frage schlägt Knoblauch „eine Unterscheidung zwischen Sinn und Wissen vor“ und schreibt: „Wissen ist sozial vermittelter Sinn“ – es setzt „Subjektivität“ voraus, jedoch keinen „Wahrheitsbegriff“; auch Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Kontinuität des Bewusstseins spielen eine entscheidende Rolle. Vielleicht ist diese Erkenntnis nach dem Exkurs durch die Geschichte, die Theorien und die Inhalte der Wissenssoziologie die entscheidende Information, die man benötigt, um sie überhaupt an sich zu begreifen. Denn das Studium der Wissenssoziologie gelingt nur dann, wenn man sich dieses Grundsatzes bewusst ist. Dies wiederum macht es absolut notwendig, sich nicht nur mit dem „Hier und Jetzt“, sondern auch mit dem „Damals“ und dem „Anderswo“ der Wissenssoziologie vertraut zu machen. Knoblauch schafft es mit großem Erfolg, die Wissenssoziologie aufzuschlüsseln, doch leichte Kost ist sein Buch nicht und man sollte zumindest ein gewisses soziologisches Grundwissen mitbringen, um die zahlreichen Referenzen und ideengeschichtlichen Rückbezüge korrekt einordnen zu können. Doch selbst wenn an mancher Stelle die Fragezeichen überwiegen, so ist doch auch das ein Anreiz, sich weiter mit der Materie zu befassen und so den eigenen Wissensvorrat zu erweitern. Deshalb verstehe ich Knoblauchs Buch nicht nur als Einführung in die Wissenssoziologie, sondern auch als einen Leitfaden durch die Beschäftigung mit der Soziologie als Wissensdisziplin. Über den wissenssoziologischen Einstieg habe ich auch einen anderen Zugang zu anderen Speziellen Soziologien gefunden (z.B. Kultursoziologie, Kommunikationssoziologie, soziale Ungleichheit), erkenne Unterschiede und Parallelen, die mir zuvor nicht aufgefallen wären. Den Band „Wissenssoziologie“ würde ich also auch allen (angehenden) Soziologen empfehlen, die neuen Perspektiven auf ihren Forschungsgegenstand gegenüber offen sind.

Sabine Kirchhoff: Onlinekommunikation im Social Web: Mythen, Theorien und Praxisbeispiele (2014)

Eintauchen in die Welt von Facebook, Twitter & Co. – Social Media verstehen und nutzen. Das Social Web hat das private und berufliche Leben vieler Menschen massiv verändert. Es ist vor allem in den Medienberufen en vogue. Für alle, die „etwas mit Medien machen“, ist dies die ideale Einführung in die theoretischen Grundlagen der Onlinekommunikation, genauer des Social Web. Ein speziell entwickeltes Modell hilft (zukünftigen) Online-Verantwortlichen zu entscheiden, wann sich ein Einsatz im Social Web lohnt und wann nicht. Grundlagen und Anwendungshilfen für eine sinnvolle Nutzung von Social Media in Medienberufen. 24,99€

Auch langfristig eine sinnvolle Ergänzung im Bücherregal

Im schnelllebigen Zeitalter des Internet sehen sich Nutzer einem inflationär stetig wachsenden Angebot an Informations- und Kommunikationsplattformen ausgesetzt. Neue Trends und mehr oder weniger instrumentalisierte virale Kampagnen buhlen um die Aufmerksamkeit und prägen das Verständnis von Online-Kommunikation – im privaten, beruflichen und öffentlichen Umfeld. Es ist also wenig verwunderlich, dass laufend neue Fach-, Sach- und Lehrbücher erscheinen, die mit der Geschwindigkeit technischer und sozialer Veränderungen im Bereich Online-Kommunikation und Online-Medien mitzuhalten versuchen. Viele scheitern allerdings daran, dass sie kurzlebige Phänomene beleuchten und in statischer Buchform Dinge festhalten wollen, die spätestens zum Erscheinungstermin des jeweiligen Werkes bereits überholt oder sogar obsolet sind, weil sich die Netzgemeinde längst Neuerem zugewandt hat.

Sabine Kirchhoffs im November 2014 erschienenes Werk „Online-Kommunikation im Social Web. Mythen, Theorien und Praxisbeispiele“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass Wissen über moderne Medien auch anders vermittelt werden kann – mit einem fundierten theoretischen Hintergrund, der auch langfristig aktuell bleibt und es Studierenden so ermöglicht, das Phänomen Social Web grundlegend zu begreifen, anstatt nur punktuell einzelne Trends zu verstehen. Denn mögen die einzelnen Optionen im Netz noch so innovativ und einzigartig dargestellt werden, im Grunde genommen basieren sie alle auf demselben theoretischen Fundament, funktionieren nach ähnlichen, wenn nicht gleichen Prinzipien und sprechen dieselben menschlichen Grundbedürfnisse an: u.A. sich mitzuteilen, zu kommunizieren, in den Dialog zu treten, sich selbst zu präsentieren, ein Teil des Netzes zu sein.

Kirchhoff gliedert ihre „Kartographie“ der Online-Kommunikation im Social Web in vier Teile. Zunächst behandelt sie in Teil I „Populäre Grundannahmen und Mythen über das Social Web“ – dazu zählen der Wandel von Web 2.0 zu Social Media und der Mythos Digital Natives. Sie leitet die Begriffe und dazugehörigen Trends theoretisch her und unterfüttert diese mit empirischen Daten aus Beobachtungen und einer Online-Befragung, präsentiert damit die sinnhafte Verbindung zur Praxis.

In Teil II geht es um „Kommunikationswissenschaftliche Theorien und Modelle“. Erfreulicherweise verzichtet sie darauf, die gesamte Geschichte der mediatisierten Kommunikation aufzulisten, sondern beleuchtet sie aus der Perspektive der technischen Innovation: Unter dem Titel „Zur Diffusion von Innovationen und den Herausforderungen bei der Einführung neuer Online-Kommunikationsangebote“ bietet dieses vierte Kapitel in Teil II eine plausible Herangehensweise an die Theorie. Begriffe, Mikro- und Makroebene, sowie Besonderheiten der Einführung von Innovationen in Unternehmen werden beleuchtet. Im fünften Kapitel geht es sodann um „Unternehmenskommunikation, Typen der Online-Kommunikation und Entscheidungsmodell zur Entwicklung einer Online-Kommunikationsstrategie“ – insbesondere interessant für Studierende, die bislang noch keine Praxiserfahrung in Unternehmen sammeln konnten und die abseits der üblichen mikrosoziologischen, subjektzentrierten Pfade forschen wollen. Dieser Teil II ist auch insofern sehr gut gelungen, als dass sich die Vorgehensweise als Blaupause für andere Themengebiete eignet.

In Teil III beschäftigt Kirchhoff sich mit „Wissenswertes aus Nachbar-Disziplinen“. Kapitel sechs beleuchtet ethische und rechtliche Grundlagen der Online-Kommunikation, denn: „Gespräche sind Märkte“ und die daraus hervorgehenden Daten heute – und vermutlich auch morgen oder übermorgen noch – eine wichtige Währung. Sehr nützlich sind im Anhang die „Checklisten zu Guidelines und Internetrecht“. Zwar werden sich diese wohl künftig wieder ändern, doch wer Kirchhoffs Leitfaden bis hierhin gelesen hat, der wird ohnehin das Verständnis dafür entwickelt haben, dass dynamische Prozesse nicht in Stein gemeißelt werden können. Kapitel sieben geht auf IT-Sicherheit und Social Media ein; nach wie vor ein Thema, bei dem Endnutzer, IT-Experten, Unternehmen und staatliche Organe teilweise sehr unterschiedliche Meinungen pflegen. Die Fallbeispiele in diesem Kapitel helfen dabei, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und mögliche Schwarz-Weiß-Denkmuster zu revidieren. In Kapitel acht werden ausgewählte Plattformen, Tools und Technologien vorgestellt – dieses Kapitel hätte man sich meiner Ansicht nach sparen können, doch für „Neueinsteiger“ im Bereich Online-Kommunikation ist es mit Sicherheit hilfreich – zumal sich das Buch auch explizit an diese Gruppe richtet: „Für alle, die „etwas mit Medien machen“, ist dies die ideale Einführung in die theoretischen Grundlagen der Onlinekommunikation, genauer des Social Web.“

Teil IV besteht aus „Praxisbeispiele[n] und Anwendungen“ und führt ein in den Umgang mit hochaktuellen Themen rund um die Buzzwords „Employer Branding“ (Kapitel neun) mit Personalmanagement, Personalmarketing, Markenmanagement, und „Content Management“ (Kapitel zehn) mit Usability, SEO, Kommunikationsmanagement. Ein wertvoller Blick hinter die Kulissen für jene, die sich im Dschungel der Medienberufe zurechtfinden wollen und die unterschiedlichen Marketing-, PR- und Online-Strategien noch nicht kennen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Kirchhoffs Band einen guten Überblick zu den „Echokammern“ des Social Web bietet und als Orientierungshilfe für Einsteiger bestens geeignet ist, fundierte Kenntnisse über das Grundgerüst der Online-Kommunikation zu erhalten, sowohl theoretischer als auch praktischer Natur. Es geht nicht darum, Social Web neu zu erfinden, sondern grundlegend zu verstehen und eventuelle Wissenslücken zu füllen, die durch die Beschäftigung mit kurzlebigen Trends bei manchen Lesern entstanden sein könnten – um es mit Kirchhoffs Worten zu sagen: „Grund genug, sich von den irreführenden Versprechungen zu distanzieren und die wissenschaftlichen Grundlagen zum Social Web systematisch aufzuarbeiten; sprich in einem Band die das Social Web dominierenden Ideologien zu hinterfragen.“

Peter L. Berger: Einladung zur Soziologie. Eine humanistische Perspektive (2011)

Peter L. Berger eröffnet mit seiner „Einladung zur Soziologie“ auf leichtfüßige und eingängige Art einen Zugang in die Denkweise des Fachs. Im Alter von nur 35 Jahren schrieb er diese zeit- und konkurrenzlose Einführung, welche zwischenzeitlich in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Ergänzt wird das Werk durch ein aktuelles Interview, das die Herausgeberin Michaela Pfadenhauer mit Peter L. Berger über dieses Buch und sein heutiges Verständnis von Soziologie führte. Peter L. Berger gilt als bedeutendster Vertreter der sogenannten „neueren Wissenssoziologie“ und scharfer Analytiker der Gegenwart. Er leitete 30 Jahre lang das von ihm gegründete „Institute for Culture, Religion and World Affairs“ (CURA) an der Boston University. 14,90€

Please, invite me! Die Neuauflage eines Klassikers mit moderner Perspektive

Forschende, die sich für Wissenssoziologie und Sozialkonstruktivismus interessieren, sind mit dem Standardwerk von Berger und Luckmann, „The Social Construction of Reality“ bestens vertraut. Doch dass man den Soziologen Peter L. Berger (geboren 1929) nicht nur auf dieses eine Werk reduzieren kann, dürfte spätestens nach der Lektüre der „Einladung zur Soziologie“ klar sein. Erstmals erschien das 1963 von ihm verfasste Werk 1977 in deutscher Sprache; und die Mitherausgeberin Michaela Pfadenhauer erläutert in einer Einleitung samt Interview mit Berger aus dem Jahr 2007 die Gründe dafür, warum eine Neuauflage dringend notwendig war. Denn das Feld der Soziologie hat sich gewandelt, insbesondere durch den Neuanfang der Wissenssoziologie, der unter anderem mit dem eingangs genannten Werk von Berger und Luckmann eingeläutet wurde. Berger selbst bezeichnet dieses Buch als Essay, als „Zusammenschreiben dessen, was man denkt“ – und nicht als Forschungsarbeit. Und genau darin liegt der besondere Reiz dieses 220 Seiten starken Buches: Es macht neugierig auf die Forschungsgebiete der Soziologie, ohne einschüchternd zu wirken. Deshalb ist es sowohl für fachaffine, als auch für fachfremde Studierende (oder Interessierte) zur Lektüre bestens geeignet: Es führt „explizit an die Disziplin als solche [heran] – eine Einführung von zeitlosem Wert“.

Im ersten Kapitel (Soziologie als Fröhliche Wissenschaft) räumt Berger zunächst mit gängigen Missverständnissen auf, die sich über Soziologie gebildet haben. Beispielsweise stellt er klar, dass ein Soziologe kein „social worker“  ist, oder dass Soziologie nicht mit „Sozialarbeit“ gleichzusetzen und keine „Sozialreform“ ist. Zudem übt er Kritik an der zahlenaffinen, quantitativen Sozialforschung, welche bisweilen die Lehre von der Gesellschaft auf Statistiken reduziert. Auch die Ideologisierung der Soziologie ab den 1960er Jahren kritisiert er – und in all diesen Punkten wird deutlich, warum Außenstehende sich mit der Einordnung soziologischer Forschung schwer tun: Die Vielfalt an quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden, die zahlreichen theoretischen Schulen und die Vielzahl möglicher Tätigkeitsfelder für Soziologen lassen sich schwerer begreifen oder definitorisch in einen gemeinsamen Rahmen fassen als bei anderen Fächern – deshalb meint Berger auch, dass der Begriff Wissenschaft zu schwach sei; stattdessen sagt er: „Soziologie ist eine Leidenschaft“.

Im zweiten Kapitel (Soziologie als Bewusstsein) geht Berger dann näher auf das Bezugssystem des Soziologen und auf das soziologische Denken ein. Für das soziologische Bewusstsein nennt er vier Motive (Bedürfnis zu demaskieren, Interesse für weniger anständige Seiten der Gesellschaft, relativieren können, Kosmopolitismus), die den Lesenden dabei helfen sollen, ein Verständnis für die Fragestellungen der Soziologie zu entwickeln. Dabei verzichtet er bewusst auf Namedropping, erwähnt lediglich einige zentrale Figuren und Schulen, so dass der Text leicht verständlich bleibt.

Die Kapitel drei und sieben bilden zwei Exkurse; erst geht es um „Lebenslauf und Lebenläufe oder: Vergangenheit nach Maß und von der Stange“, dann um „Machiavellismus und Moral in der Soziologie oder: Auch mit Skrupeln kann man weiter mogeln“. In diesen Abschnitten wird das soziologische Denken eher auf die menschlichen Aspekte, also auf die Mikro-Ebene heruntegebrochen, so dass ein konkreter Bezug von der Terminologie zum handelnden Subjekt entsteht.
In den Kapiteln vier bis sechs hingegen erläutert Berger anschaulich drei wesentliche soziologische Perspektiven: „Mensch in der Gesellschaft“, „Gesellschaft im Menschen“ und „Gesellschaft als Drama“. Dabei geht er darauf ein, wie der Einzelne in der Gesellschaft verortet ist und wie Gesellschaft als Ganzes dem Einzelnen übergeordnet ist. Er thematisiert die Beziehung der beiden Faktoren zu einander aus unterschiedlichen Perspektiven und zeigt sowohl deterministische, als auch konstruktivistische Herangehensweisen, geht auf das Innere und das Äußere ein; schärft den Blick für die Vereinbarkeit von „Freiheit“ und „Kausalität“. Dank zahlreicher Beispiele führt er die Konzepte stets auf die Ebene des Verständlichen und des Konkreten zurück.

Im abschließenden achten Kapitel (Soziologie als humanistische Wissenschaft) vertritt Berger eine damals wenig kommunizierte Herangehensweise an die Soziologie. Er argumentiert, dass den Theorien und Methoden eine grundsätzlich menschlich ausgerichtete Sichtweise zugrunde liegt; zudem besitzt die Soziologie weitere Eigenschaften, die sie in die Nähe der Geisteswissenschaften rückt: „Es gehört Aufgeschlossenheit des Geistes und Universalität des Blickes dazu, wenn man den humanistischen Ort der Soziologie bestimmen will. Dass das kaum anders denn auf Kosten streng logischer Systematik möglihc ist, geben wir ohne Weiteres zu (…).“ Hier wird abschließend nochmals der innere Konflikt der Soziologie deutlich, der aber gleichzeitig die faszinierende Vielfalt dieses Faches ausmacht: Die Anziehungskraft des Positivismus mit seiner Logik trifft auf das menschliche Element, auf die „paradoxe Vielfalt des Lebens“. Bergers fesselnder und lehrreicher Essay regt Lesende zum Nachedenken an – und trägt dazu bei, ein Bewusstsein für die Vielfalt soziologischer Forschung zu schaffen. Um sich ein Bild von der Soziologie zu machen, ist dieses Buch hervorragend geeignet.

Kommentar verfassen