Ein paar Sätze zur Übersetzung

Blog_2015_04_08

Von Oktober 2014 bis September 2015 studierte ich an der LMU München Literarisches Übersetzen (M.A.). Zwar habe ich bereits seit 2005 verschiedene Textsorten übersetzt, doch die zugrunde liegende Theorie nur über die Umwege der Medien- und Kommunikationswissenschaften kennengelernt. Es besteht außerdem ein großer Unterschied zwischen Fachübersetzungen und literarischen Übersetzungen. Erstere haben vor Allem einen Nutzwert: Anleitungen, Nachrichten, Marketingtexte werden ihres Inhalts wegen gelesen; die Form und Ausdrucksweise sind dabei wenig relevant. Literarische Texte hingegen – Narrationen, Essays und Dialoge – vermitteln nicht nur Informationen, sondern verkörpern auch unterschiedlliche Stilrichtungen, künstlerischen Anspruch. Deshalb ist es durchaus sinnvoll, das Übersetzen solcher Texte wissenschaftlich zu untersuchen, sich in einer Masterarbeit auszuprobieren, verschiedene Theorien und Praxisanwendungen zu erproben.

Die Übersetzungstheorien nun hier darzulegen würde den Rahmen natürlich sprengen. Deshalb an dieser Stelle nur kurz drei Begriffe des Semiotikers Roman Ossipowitsch Jakobson aus seinem Essay On Linguistic Aspects of Translation (1959), die bewusst machen sollen, wie viele Dimensionen eine Übersetzung haben kann:

  1. Intralinguale Übersetzung, Umformulierung oder die Interpretation sprachlicher Zeichen durch andere Zeichen derselben Sprache;
  2. Interlinguale Übersetzung, die Interpretation sprachlicher Zeichen durch Zeichen einer Fremdsprache oder Übersetzung im eigentlichen Sinne;
  3. Intersemiotische Übersetzung, die Umsetzung sprachlicher Zeichen durch nicht verbale Zeichen (beispielsweise in Klang oder Bild) oder die Interpretation sprachlicher Zeichen durch Bedeutungsträger eines nicht sprachlichen Zeichensystems

„Schwer“ statt „hart“ zu sagen fällt in die erste Kategorie, „hard“ auf Englisch in die zweite Kategorie und ein Verkehrszeichen oder ein Zeichen in der Gebärdensprache fällt in die dritte Kategorie. Ebenfalls gilt es, verschiedene Kanäle bei der Übersetzung zu berücksichtigen. So stellt die Untertitelung oder Synchronisation eines Videos ganz andere Ansprüche an den Übersetzer als die Übersetzung eines Gedichtes, eines wissenschafltichen Textes, eines Songs… Ein Blick auf Jakobsons Kommunikationsmodell mit seinen sechs Elementen (Linguistics and Poetics, 1960) kann hier Aufschluss über die einzelnen Komponenten geben, die in der Übersetzung berücksichtigt werden müssen:

  • der Kontext, von Jakobson auch referent genannt, der Voraussetzung dafür ist, dass die Kommunikation eine referentielle Funktion entfalten, nämlich Inhalte vermitteln kann;
  • die Botschaft, die in ihrer poetischen Funktion selbst zum Thema werden kann;
  • der Sender, über dessen Haltung zum Gesagten die emotive Funktion Auskunft gibt;
  • der Empfänger, an den die Botschaft über ihre konative Funktion eine Aufforderung senden kann;
  • der Kontakt, in Anlehnung an die Nachrichtentechnik auch physikalischer Kanal genannt, der durch die phatische Funktion der Botschaft aufrechterhalten wird;
  • der Code, dessen wechselseitige Verständlichkeit in der metalingualen Funktion der Botschaft zum Thema wird.

So viel an dieser Stelle also nur kurz zur Erläuterung, warum die literarische Übersetzung nicht auf die bloße Übertragung von Inhalten reduziert werden kann, sondern auch das kreativ-künstlerische Geschick und ein wissenschaftlich fundiertes System erfordert. Einige meiner Übersetzungsarbeiten werde ich hier nach und nach veröffentlichen – und nehme spannende Aufträge im Bereich Fachübersetzung oder Literaturübersetzung an (DE, EN, FR), gerne auch in Verbindung mit der Erstellung der zu übersetzenden Texte.

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